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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1881-12-01 · Heft 12 (1.12.1881) · p. Seite 287

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
1 (1881)
Issue
Heft 12 (1.12.1881)
Date
1881-12-01
Page
Seite 287 (sequence 15)
Language
German
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287 ein Fremder? Ist irgend ein christlicher Dorfschullehrer in Deutschland mehr Deutscher, als der Jude Sanders, der Autorität ist auf dem Gebiete der deutschen Sprachwissenschaft? Ist irgend ein christlich-germanischer Journalist ein besserer Deutscher als Berthold Auerbach? Weg darum mit allen Phrasen von Semiten und Fremden. Die so sprechen, meinen nichts anderes als: die christliche Mehrheit fürchtet, daß die jüdische Minderheit ihr über den Kopf wachse. Es ist die alte pharonische Furcht: sie könnten zu mächtig werden. Darum hat Pharao die Israeliten in Aegypten zu Frohnarbeitern gemacht und ihre Söhne gemordet. Die Judenhetzer, die so speculiren, thäten besser selbst damit anzufangen, daß sie ehrlich arbeiten. Denn ehrliche Arbeit ist die Judenhetze nicht. Es ließe sich noch viel über dies Theküa sagen. Doch genug und übergenug. Man kann eher einen Strick durch ein Nadelöhr ziehen, eher einen Mohren weiß waschen, als einen grundsätzlichen Judenfeind bekehren. Für uns Juden aber erwächst aus diesen neuesten Anfeindungen die Ausgabe ernster Selbstprüfung. Hier und da liegt doch manch ein Körnlein Wahrheit in den Anschuldigungen der Judenfeinde. ' Es haben viele Juden arg gesündigt durch Wucher, Betrug oder Gründungen, schwindelhaften Geschäftsverkehr und sonst unerlaubten Gewinn. Und wenn es auch viele Christen nicht besser gemacht — was e i n Jude verschuldet — müssen Alle büssen Wir müssen noch dringender als bisher dafür sorgen, daß solche Auswüchse schwinden. Wir müssen darauf halten, daß in jüdischen Kreisen verfehmt seien Alle, die auf unehrliche Weise Reichthum erstreben. Wir müssen in uns kämpfen gegen die Unarten der Zudringlichkeit, der Aufdringlichkeit, der Reklame. Wir müssen den Schönheitssinn fördern in unsern Kreisen und im Gottesdienst ansjäten, was unschön, was unanständig ist. Wir müssen dem einseitigen Berstandeswerk, dem Witzeln, entgegensetzen im Sinne unseres Judenthums die Gemüthstiefe und Innigkeit. Der Begriff des Pessimismus, wie ihn die neue judenfeindliche Philosophie Schopenhauers und seiner Nachfolger entwickelt, konnte nur auf Boden einer Anschauung entspringe», deren Grundsatz Weltverachtung ist. >„Mein Reich ist nicht von dieser Welt"); das Judenthum ist durchaus optimistisch. „Siehe diese Lehre ist nicht zu fern von dir, sie ist nicht im Himmel". Werkthütige Menschenliebe, Selbsterkenntniß, Selbstlüuterung, Heiligkeit, das ist die Lehre des Judenthums. Daraus folgt, daß es eine Religion fürs Leben ist, eine Religion des G ein üthetz. Unser Gottesdienst ist aber noch nach vielen Richtungen ein gemüthloser. Hieran müssen wir fort und fort die bessernde Hand legen. Und zuletzt — vergessen wir nicht ein Wort Gutzkows. Er sagte: „Ihr Juden müßt Geduld mit uns Christen haben. Jahrtanseudlanger Haß vergißt sich nicht so leicht". Das ist ein wahres Wort. Die Großeltern und Eltern der heute lebenden Christen wüßten es nicht anders, als daß Juden rechtlos, ehrlos, schutzlos seien. Kein Wunder, wenn von diesen Ueberlieserungen sich noch Mancherlei erhielt. Auch das Borurtheil braucht Zeit, ehe es sich legt. Ueben wir darum die Humanität, daß wir den zahlreichen Christen, die uns abgeneigt sind, nicht aus Bosheit, nicht aus Herzlosigkeit, sondern ans Grund Herkommens, aus Ueberlieferung, die Gesinnungsünderung ermöglichen und erleichtern, beweisen wir es ihnen, daß wir besser sind als ihre Meinung von uns, indem wir in Familie, Religionsgemeinde, politischer Gemeinde, Heimath und Reich unsere Schuldigkeit thun als gute Bürger, als echte Juden, als treuer Deutsche.

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