Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1881)
- Date
- 1881-12-01
- Page
- Seite 285 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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285, Man darf getrost sagen: Der Wunder größtes, größer als alle die, von denen altes und neues Testament ihren Gläubigen berichten, ist: Die Existenz der Inden. Daß sie sich in den zweitausendjährigen Leiden überhaupt erhalten, daß sie nicht in dieser Zeit zu Grunde gingen, das ist eine Thatsache, die in der ganzen Geschichte ihres Gleichen sucht. Wo sind die Griechen hin, wo die Römer? Armselige Spuren sind in den Neugriechen, den Rumänen verblieben. WaS aus einem heimatlosen Volksstamm ohne sittlichen Halt wird, das lehren die Zigeuner. Und dagegen die Juden! Geschichtsforscher und Ethnographen künftiger Jahrhunderte, deren Blick ungetrübt ist durch die Brille religiöser und sonstiger Abneigungen, tverden es rühmend hervorhebeu, daß diese Erscheinung einzig in ihrer Art ist. Die Zahl der Juden auf dein Erdenrund ist heute eine unendlich größere als jemals. Die heutigen Juden wie ihre Vorfahren in Palästina verhalten sich wie Zweige und Aeste zur Wurzel, wie die Aehre zum Saatkorn, so viel mehr, ja dürfen wir hinzufügen — wenn wir von den größten Männern absehen und die Menge ins Auge fassen — so viel bedeutsamer sind die heutigen Jude». Und daß sie sich so erhalten, daß sie sich so entwickeln, das danken sie ganz unztveifelhaft ihrer Religion, nicht sowohl dem cermoniellen, als dem tiefsittlichcn Theile derselben. Was hielt die Hungernden ab, das Kreuz zu nehmen und sich damit das Brod zu verschaffen, was hieß die Tausende und Abertausende uiuthig auf den Scheiterhaufen zu steigen, was hinderte sie, mit der Taufe das Leben zu retten, sich Nahrung und Ehrenstellen zu erkaufen'? Waren sie die Schacherer, die geld- und habgierigen Materialisten, als ivelche die Gegner sie hiustellen, tvarni» zogen sie den Tod und das Elend der Taufe vor, warum haben sie und bis in die jüngste Zeit, ihunderte darbender Gelehrter, denen der Staat in unserem Jahrhunderte Lehrämter für den Fall des Ucbertritts anbot, sind des; Zeugen!» den Glaubenswechsel verschmäht? Und nicht das einzige Wunderbare an den Juden ist ihre Fortexistenz. Gleich stauuenswerth ist die Elasticität, die Rüstigkeit, die Schnelligkeit, niit welcher in l 00Jahren, seit welchen überhaupt Europa anfing, sich ihrer erbarmend anznnehmen, seit welchen der erste Hoffnnngskeim besserer Zeiten in ihr Herz gepflanzt wurde - Lessiug's Nathan der Weise und Moses Mendelssohn's Bibelübersetzung, beide ans dem Jahre 1779 bilden die Eingangspforten — und in den fünfzig Jahren, seit welchen die Emancipation in Deutschland ernstlich in Angriff genommen wurde, die Juden sich nnfgeschwnngen haben. _ Aus allen Gebieten des Wissens, der Knust, des Handels und der Gewerbe stehen Juden in erster Reihe. Und daß sie das trotz aller hemmenden Schranken zu Wege gebracht, daß sie trotz der ihnen entgegcustehenden Abneigung sich in Schulen gute Eensuren, im Leben persönliche Anerkennung, in den Gemeinden hervorragende Stellung, selbst in den gesetzgebenden Körperschaften Gehör und Ansehen errangen — das erscheint wie ein Wunder, zumal tvenn man die Hetzschriften dagegen hält. Das Geheimnis; dieser Fvrtexistenz und dieser Elastieität liegt aber darin, das; diese sogenannten Semiten, diese sogenannten Fremden, diese sogenannten Materialisten Tchiller's Spruch zur Wahrheit machten: Ans Vaterland, ans theure, schließ dich an, das halte fest mit allen deinen Trieben. So ist der Jude in Deutschland, Deutscher, der Jude in England, Engländer, der Jude in Frankreich, Franzose, der Jude in Italien, Italiener geworden mit allem seinem Denken mib Fühlen.