Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1881)
- Date
- 1881-12-01
- Page
- Seite 284 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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284 Sieh nicht ans die Gestalt Sondern auf den Gehalt. Lüsternheit, Ehrsucht und Neid Sind des Menschen Sterbekleid. Wer dich nur einen Satz gelehrt, Der sei dir ewig dankenswerth. Den Lehrer ehrt. Und wenn ihr selber lehrt, So nennt auch den, von dem ihr es gehört! Denil Dankbarkeit, Wahrhaftigkeit Sie haben oft die Welt befreit. Geht der Mensch zum ewgen Leben ein Hilft nicht Silber, Gold, noch Edelstein — Wohlthun, Tugend, Wissen gilt allein! Das sind die Sittenlehren des Talmud, des Judenthnms! Sind sie veraltet? Sind sie von andern neuzeitlichen übertroffen? Haben die schönsten Lehren und Sprüche, wie sie unsre neueren edelsten Dichter gegeben, wie sie in Göthe's, Rückert's, Bodenstädt's Sprüchen zu Tage treten, Besseres, Sinnigeres erfunden und empfunden? Führwahr gäben sich die Judengegner die Mühe, denjenigen Schätzen des Judenthnms nachzuforschen, die ihnen nahe vor Augen liegen, die sie in jüdischen Volks- Schul- und Gebetbüchern Nachlesen tonnen, sie würden anders denken. Aber — und hier komme ich auf de» zweiten trübsten Quell des Judenhasses — entspricht allseitig das Leben der Juden ihren Lehren? Die Frage sollte müssig sein. Denn wo im Leben decken sich Theorie und Praxis vollständig? Am allerwenigsten hat die Religion, welche sich vorzugsweise die der Liebe nennt und bald zwei Jahrtausende die gebildete Welt beherrscht, eine solche Übereinstimmung zwischen Lehre und Handlungen erzielt. Kein Wunder darum, wenn auch Juden dem Ideal ihrer Religion nicht entsprechen. Aber so scharf den Juden nachgespürt wird, so sehr fast jede Zeitung bei jedem Verbrechen es hervorznheben liebt, wenn ein Jude betheiligt ist — die Statistik der Verbrechen lautet zu Gunsten der Inden. Sv zu allen Zeiten, in allen Ländern. Freilich sind auch die Inden keine Engel. Ja es finden sich in ihrer Mitte gewisse sittliche und gesellschaftliche Mängel schärfer vertreten als in anderen Kreisen. Und diese sind es vornehmlich, die dem Jndenhasse neue Nahrung znführen. Es sind zunächst Folgeit des vieltausendjährigen Druckes, der aus den Juden lastete. Da ist zuerst der Geschäfts- und Erwerbstrieb, der die Grenzen des Erlaubten, des Anständigen nicht immer einhält. Da ist sodann das vor-, zu- und aufdringliche Wesen, das Prahlen und Prunken, wie cs dem Emporkömmling, wie es dem Geächteten und Mißachteten auch Hi anderen Kreisen eigen ist. Wer hat nicht oft schon erfahren, daß Juden und Schauspieler gesellschaftlich gern mit einander verkehren. Sie hatten, wenigstens in früherer Zeit, viel Gemeinsames. Beide standeil gesellschaftlichem Vorurtheile gegenüber, beide mußten persönlich sich das Ansehen erkämpfen, das ihrer Gattung versagt war, beide suchten äußerlich zu glänzen, sich hervorzuthun.