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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1881-12-01 · Heft 12 (1.12.1881) · p. Seite 282

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
1 (1881)
Issue
Heft 12 (1.12.1881)
Date
1881-12-01
Page
Seite 282 (sequence 10)
Language
German
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282 Hirngespinnst erscheint — bekanntlich fabelte ein christlicher Gelehrter von einem Rabbi Talmud — den Andern eine Augriffswaffe darbot — man denke an Eisenmenger und seine neuzeitlichen Abschreiber Rohling und Genossen, welche auf mißverständlichen und aus dem Zusammenhang gerissenen Talmudstellen herumreiten — wieder Andern — in jüdischen Kreisen — wurde der Talmud theils zu einem erprobten Bildungsmittel für Weckung des Scharfsinns theils zu einer gefährlichen Klippe, an der bald zu Gunsten der einseitigen Verstandesschürfung Klarheit, Methodik, gesunder Menschenverstand, Geiuüth und Schönheitssinn Schiffbruch litten, bald je »ach der Lehrmethode die tollste Phantastik, Rabulisterei und Aberglaube ihre Nahrung fanden. Der Talmud gleicht dem Mannah oder dem Afikaumvn am Sederabende, von dem die talmudische Sage erzählt, daß jeder den Geschmack der Speise findet, die er sich wünscht. Er hat die edelsten, erhabensten Männer der Wissenschaft genährt und gezeitigt, er hat den Juden bis zum Beginn dieses Jahrhunderts, auch soweit sie in's praktische Leben übergingen, eine Vorbildung bereitet, die ihnen, wenn auch nicht stofflich, so doch geistig Freiheit des Blickes und Selbständigkeit des Urtheils gab. Der Talmud hat aber auch jene Mißgeburten der Kabalisten, der Chassidin, der verdrehten und eingebildeten Bachurim zu Wege gebracht. Der Talmud, dies Buch, nicht mit sieben, sondern mit siebenhundert Siegeln — denn die Zahl derer, die es lesen und studieren, die es verstehen und durchdringen, ist gering — theilt mit den Juden das Loos der heftigsten Angriffe, der bittersten Gegnerschaft, der grundlosesten Abneigung. Aber, so hoch er mehr als ein Jahrtausend hindurch in jüdischen Kreisen gehalten wurde, so herrlich die Aussprüche und Lehren desselben sind, welche in den Religivns-, Gebetilnd Schulbüchern unsrer Zeit Aufnahme gefunden — welche Bedeutung hat der Talmud im Ganzen für uns Juden der Neuzeit? Eine verschwindend geringe. Schon in unseren Gebetbüchern ältesten Styls kann man das finden. Es sind da talmudische Stellen abgedruckt über die Opferbräuche mit einem Anhang über die logischen Grundsätze, nach denen die Talmudisten scharfsinnig auslegten und urtheilten. (Esehu mekomon) über die am Sabbath anwendbare Beleuchtung (Barne Madlikin) und die Sprüche der Väter (Birke abotl?). Wer liest heutzutage eseliu mekomon und bame madlikin? Nur der urtheilsloseste Amhaarez. Die Sprüche der Väter aber — diese Sammlung der edelsten und herrlichster? Lehren der Sittlichkeit und Mensck)enliebe, der Herzensbildung und Gesittung — sie bilden die Perle unsres Gebetbuchs und sie liest gerviß so Mancher und so Marrche gern immer und immer wieder. Es kvmmeir zwar auch in ihneir veraltete, einseitig erscheinende Auffassungen vor, z. B. über Frauen: „Treibe nicht zuviel Geschwätz mit der Frau, mit der eignen, wie viel mehr mit der Deines Nebeumeuschen". Oder: „Je mehr Frauen, desto mehr Zank." Aber selbst diese auf den ersten Anblick wunderlichen Sätze sind Ausflüsse der höchster? Sittenreirrheit, Proteste gegen die Vielweiberei, Warnungen vor jenen Unsittlichkeiten, wie sie rms das rnoderne französische Lustspiel noch heute als das Gegenstück jüdischer Sittlichkeit und Ehereinheit darstellt. Wie ganz anders verhalte!? sich hierzu, verhalten sich zu dem hohen Liede von der Frauenwürde (Esebe-s ebajil: „glücklich, wem ein wackres Weib beschieden" am Schlüße der Sprüche Salvmonis) die tvirklich tveiberfeindlichen Aussprüche des neuen Testaurents, in dem die Ehelosigkeit als höchstes Ziel gepriesen, der Ehebruch in der Ehebrechern?? spitzfindig entschuldigt rvird! Und >vie sehr hat diese Heilighaltnng der Ehe die Juden in ihrer Wandermrg durch das Golgatha ziveier Jahrtausende erhalten und gefördert!

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