Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1881)
- Date
- 1881-12-01
- Page
- Seite 281 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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281 Beste und Edelste und im Gegensätze dazu mit jüdisch alles Unedle. Gelehrte, die das geschichtliche Christenthum längst in sich überwunden, spielen trotzdem mit den Begriffen christlich und jüdisch wie mit weißen und schwarzen Kugeln. Das sind wesentlich die Rückerinnerungen von den ersten Kindsheitseindrücken. Und welches Schutzmittel haben die Juden gegen diese Auffassung? Keines, wenn sie nur das lesen, was auf solchem Boden gelehrt und geschrieben wird. Keines, wenn sie gar nichts lesen. Keines, wenn sie straußenartig den Blick abwenden von allem, was da draußen vorgeht, keines, wenn sie meinen: wo Alles Partei ergreift, dürfen, ja müssen sie allein parteilos bleiben. Keines, wenn sie sich theilnahmlos verhalten, ihr Ohr und Auge verschließen jüdischem Wissen und Wesen. Sagen wir es niit dürren Worten: Den Juden wird von allen Seiten, von Ubergläubigen und Ungläubigen ihr Verbleiben im Judenthum verdacht und verübelt, dem Einen erscheinen wir als Betrüger, dem Andern als Narren. Betrüger oder Narr — so tönt es von Eisenmenger bis Marr. Und dennoch bleiben wir Juden! Warum? Wissen wir es Alle? Ist cs nicht bei Bielen unter uns bloße Gewohnheit und Bequemlichkeit? Wer einer so rings angegriffenen Gemeinschaft angehört, der muß auch wissen, worum er es thut, der muß sich auch klar bleiben über die Gründe seiner Zugehörigkeit. Er muß sich auch wappnen gegen die Angriffe von außen, er muß nicht nur sich bewußt werten, sondern auch Andern klar Rechenschaft darüber zu geben vermögen, warum er Jude ist und bleibt. Und da giebt's keine Wahl. Wer Jude ist, wer Jude bleiben will, der muß sich auch irm das Judenthum kümmern. Nicht in dem Mehr oder Minder schwankender, wie die Haut am Menschen, wie die Rinde am Baume, wechselnder Bräuche und religiöser Uebungen besteht das Judcuthum. Nicht einmal in allen denen, die in den fünf Büchern Moses vorgeschrieben sind. Denn wie viele von ihnen hat die Zeit, hat die verständige Theilung in Gebote, die an das Land Palästina geknüpft sind (telujot beorez) beseitigt, wie z. B. die Opfergebote. Wie viele andre sind trotz des biblischen Grundsatzes io toaifu welo sigreu mimenu — ihr sollt nichts hiuzuthun nichts abmindern — hinzugekommen, z. B. die zweiten Feiertage, Reste damaliger Kalenderlosigkeit. Ein Grundsatz aber voll tiefster Weisheit es laasvos ladonai hetVru torasecba — Gilt es Gott, der Erhaltung des höchsten Ideals, da kann auch seine Thora geändert werden — hat sich segensvoll, im Zeitenlaufe bewährt. sJiod) weniger besteht unser Judenthum, wie die Gegner wähnen und die Verläumder anklagen, im Talmud. Dieses größte aller Sammelwerke hat man in neuerer Zeit den Anschauungen unsrer Tage nicht mit Unrecht durch den Vergleich mit einer großen Zeitung nahe gebracht, die in ernsten Theil und in Feuilleton zerfällt, die neben den gediegensten Ausführungen auch Mittelgut als Lückenbüßer enthält. Dieser Talmud ist eine Sammlung von Entscheidungen, Lehrsätzen, Sinnbildern und Sprüchen, von Meinungsverschiedenheiten und Auslegungen, die in einem Zeitraum von 700 Jahren gelehrte Rabbinen, als Professoren in ihren Lehrakademien, als Richter und Verwaltungsbeamte im Synedrion ausgesprochen und bethätigt, die sich von Mund zu Mund, von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzt haben. Sie wurde im 6. Jahrhundert n. Ehr. abgeschlossen und erwuchs seitdem zu einer Macht, die den Einen als Gespenst und