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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1881-12-01 · Heft 12 (1.12.1881) · p. Seite 277

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
1 (1881)
Issue
Heft 12 (1.12.1881)
Date
1881-12-01
Page
Seite 277 (sequence 5)
Language
German
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277 gegen dies Alles, indem er betonte, daß er an dein christlichen Staate festhalte. Er sei, sagte er damals, kein Feind der Juden, er liebe sie sogar unter Umständen. Er gönne ihnen auch alle Rechte, nur nicht das, in einem christlichen Staate ein obrigkeitliches Amt zn bekleiden. Für ihn seien die Worte „von Gottes Gnaden" kein leerer Schall, er sehe darin das Bekenntnis, daß die Fürsten das Scepter nach Gottes Willen führen wollen. Als Gottes Willen könne er aber nur erkennen, was in den christlichen Evangelien geoffenbart worden. Die Realisirung der christlichen Lehre sei Zweck des Staates, deni könne man mit Hülfe der Juden nicht näher kommen. Wenn er sich als Repräsentanten, der geheiligten Majestät des Königs gegenüber, einen Juden denke, dein er gehorchen solle, so würde er sich tief niedergedrückt und gebeugt fühlen. Er theile diese Empfindung mit der Masse der niederen Schichten des Volkes und schäme sich dieser Gesellschaft nicht. In Berlin und den größer» Städten bestehe die Judenschast fast durchaus aus achtungswerthen Leuten, ans dein Lande gehören solche auch nicht zu den Ausnahmen, aber der entgegengesetzte Fall komme vor. Er erzählte nun von einer ländlichen Gegend, in der der zahlreichen jüdischen Bevölkerung Alles gehört, was die Bauern besitze», vom Bett bis zur Ofengabel, das Vieh im Stall und die Frucht ans dem Felde. Er will die Inden erst emanzipiren, wenn sie die Schranken aufheben, die sie von uns trennen, wenn sie von der Starrheit ihrer Gebräuche lassen. Und da erzählt er «ganz ähnlich wie Marr, der den Pester Rabbiner als Schcinesser an der kaiserlichen Tafel darstellt) von einem hochangesehenen jüdischen Gelehrten in einer der gößeren Städte Preußens, der, wie ihm ein Jude selbst mitgetheilt, am Sabbath nicht einmal ein Schnupftuch in der Tasche zu tragen wage und auf den rabbinischen Ausweg verfallen sei, von einem Polizeiunterbeamten fiir sich dessen Wohnung mit allen Umgebungen derselben d. h. der ganzen Stadt mittelst Scheinvertrags zu erkaufen. Seitdem trage er das Schnupftuch mit gutem Gewissen in der Tasche. Das habe ihm ein Jude selbst erzählt. (Berh. des 1. Preuß. Landtags Berlin 1847. S. 224.) — Ein Menschenalter ist seitdeni verflossen. Die großartigsten aller Vorberechnungen spottenden Umwandlungen haben sich vollzogen. Was im Jahre 1848 in Deutschland ersehnt und erstrebt ward, die Jahre 1866 und 1870 haben in ungeahnter Weise Gewährung gegeben. Die Gleichberechtigung der Juden ist reichsgesetzlich gewährleistet und die deutschen Inden selbst haben im Kriege lote im Frieden ihre treue vaterländische Gesinnung bewährt. In den gesetzgebenden Versammlungen des Reiches wie der deutschen Staaten sitzen Juden, durch das Vertrauen ihrer christlichen Mitbürger berufen, in den deutschen Richtercollegien, selbst im Reichsgericht, an höchster Verwaltungsstelle in Baden, erblicken wir Deutsche jüdischen Glaubens. Unter den geachtelten Firmen nicht blos der Börse, sondern auch des Waareuhandels, des Fabrikantenstandes, in allen Zweigen der Kunst und der Wissenschaft, wie der Gewerbe, finden wir Angehörige des jüdischen Glaubens. Fürst Bismark hat diese Gleichberechtigung durch seine Unterschrift besiegelt, durch seine Thätigkeit auf dem Berliner Congresse selbst den rumänischen Juden erringen helfen. Und dennoch gerade jetzt diese Hetzschriften, gerade jetzt diese Judenanfeindungen! Soll man da nicht im Sinne jenes morbus äsmooruticus von 1848 an einen morbus antijudaicus, an eine Judenhaßkrankheit glauben, die von Jahrhundert zu Jahrhundert sich fortpflanzt, von Land zu Land sich überträgt? Und der Quell dieser Abneigung?

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