Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1881)
- Date
- 1881-11-01
- Page
- Seite 265 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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266 Darunter liegt auf einem Tisch ein todter Knabe mit vielen Wunden, in denen neun Schusterpfriemen stecken. Drunter steht: Anno 1475 am grünen Donnerstag ward das Kindlein Simon 2lh Jahr alt von den Juden umgebracht. Und darunter ein schauderhaftes Bild — eine Schmach nicht für die Verhöhnten, sondern für die Verhöhner — welches nach Schudt „zur öffentlichen Beschimpfung, zum Verdruß der Juden" auf Befehl des Magistrats angebracht worden, nicht — so hebt Schudt nach Tentzel selbst hervor — weil die Frankfurter Juden einen Christenknaben ermordet haben, wie der getaufte Jude Christiani „nicht gar bedächtlich" geschrieben —- sondern: „um sie von dergleichen Schelmstücken um so eher abzuhalten!" Das Schandbild wurde 1677 und 1709 erneut. Vergeblich boten die Juden viel Geldes für dessen Beseitigung. Selten — schreibt Schudt nach Diefenbach — geht ein Jude vorbei, ohne daß ihm Christen das Bild mit Spott zeigen und es steht grade am Wege nach der Judengasse. Erst 1801 mit dem Abbruch des Brückenthurms verschwand das Bild. Ein ganz besonderes Vergnügen bereitete es den Bürgern in Gegenwart von Juden auf ein Brett zu klopfen, zuerst in Halle geiibt, wo ein Prediger verboten hatte, den Juden etwas zu verkaufen, und das Klopfen an den Verkaufsständen andeuten sollte, daß ein Jude komme. Dann forderte mau den Juden Würfel ab. Das straßenräuberische „in bourse ou la vie" wurde ins religiösdeutsche übersetzt. Jeder konnte Würfel von Inden fordern, wie man sagt, zur Erinnerung daran, daß um Christi Kleider gewürfelt worden. Schudt führt ein ganzes Würfelgesprüch vor: Der Christ fragt den Juden: Lla aqhimcha oder Jehudi ata V („wie heißt du" oder „bist du ein Jude") und singt: Abraham, Jsac, Jakob Leben Drei Würfel mußt Du mir geben, Wenn Du das nicht thnst Leg ich Dir zu Buß, Daß Du drei Tag und Nacht fasten m»ßt. Ein anderes Gespräch, das sich daselbst findet, hat offenbar einen Proselyten zum Verfasser, wie denn überhaupt — und bis auf die neueste Zeit — von getauften Juden schlechter Sorte (denn es giebt auch edle Proselyten) dem Juden das größte Unheil zugefügt wurde. Ich möchte wetten, ein gutes Theil der inodernen Hetzschriften hat solche Ueberlüufer ä la Pfefferkorn zu Verfassern und Veranlassern. Im Anfänge unseres Jahrhunderts feierte man das Siegesfest für die Befreiung Deutschlands von Napoleon und den Dank für die Mitwirkung jüdischer Freiwilliger durch Rücknahme der in der französischen Oecupationszeit den Judell gewährten und zum Theil theuer erkauften Rechte, durch Hep- Hep-Rufe, durch fanatische Hetzschriften, Hetzreden, Hetzpossen. Selbst ein Mann wie Fichte ward den Juden gegenüber zum Caligula, er wünschte ihnen einen Hals, um sie zu tödten. (Schluß folgt.) 22