Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1881)
- Date
- 1881-10-01
- Page
- Seite 241 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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241 vor den Augen des aufmerksamen Jüngers das Gerolle zu entfernen, welches über den Schacht des Talmud sich gelagert hatte, ihn mit sicherer Hand in die dunklen Tiefen zu führen, uni das edle Metall heranfzufördern, ihn in seine systematische Lehrmethode einzuweihen und die leitendeil Ideen ihm zu enthüllen, und dieser lauschte mit rascher Fassungskraft auf die scharfsinnigen Darstellungen Maimunis und ward nicht müde, den talmudischen, medizinischen, astronomischen und philosophischen Vorträgen desselben zu folgen. Jedes Wort des angebcteten Lehrers war ihm ein Orakelspruch, er machte es zu seiner Lebensaufgabe, dessen Ideen und Lehrweise in die Welt hinauszutragen und zu verbreiten. So bildete sich allmählig ein Verhältniß zwischen beiden, so innig und treu, wie zwischen Vater und Sohn. — Es war an einem Freitag zur Zeit der Abeliddämmerung, die Sonne war untergegangen, das Zwielicht rang noch mit der hereinbrechenden Nacht; die linde, balsamische Luft und das prächtige Abendroth senkten einen stillen, sanften Frieden über die Natur und in jedes Menschenherz. Friede und Sabbatruhe kehrte auch in die Wohnungeii Israels ein. Auf den Straßen Fostats tummelte sich eine Schaar festlich gekleideter Juden, die zur Begrüßung des Sabbats in die Synagoge eilte. Maimonides und Aknin waren ebenfalls hingegangen; inzwischen legte die junge Frau daheim ein Festkleid an, schmückte sich, ihr Kind und das Haris, damit durch das Äußere das Innere sich ergötze und die Seele zu einer geweihten, sabbatlichen Stimmung sich erhebe. Sie spreitete ein weißes Tafeltuch über den Tisch, nahm zwei Wachslichter aus dein Schrein, steckte sie auf silberne Leuchter, zündete sie nebst der über dem Tische hängenden, sechszackigen Öllampe an und sprach über die Sabbatlicher den üblichen Segen. Ein geheimer Zauber waltete und webte in dein geputzten, hell erleuchteten Zimmer, in welchem die Frau ihre häusliche Andacht verrichtete. Heute beeilte sie sich, denn sie hatte sowohl Aknin als auch ihren Bruder nebst Familie zum Abendessen eingeladen. Die doppelt verschwägerten Fainilien Maimunis und Abulmaalis kamen allwöchentlich wenigstens einmal zusanunen, um ihre Gedanken auszutauschen und über Familienangelegenheiten und Tagesneuigkeiten sich zuunterhalten. Die Frau empfing den vom Gottesdienst heimkehrenden Mann mit freundlichem Antlitze, auf ihrem Arme ruhte ihr kleiner Sprößling Abraham, auf dessen Köpfchen er die Hände legte und den vorgeschriebenen Segen sprach: „Möge dich Gott werden lassen wie Ephraim und Manasse, der Herr segne und behüte dich, er lasse dir sein Antlitz leuchten und sei dir gnädig, er wende seine Huld dir zu und gebe dir Frieden." Dann begrüßte sie die eintretenden Gäste und bat sie, da es schon spät geworden, sich sogleich zu Tische zu setzen. „Älso das ist dieser Aknin," flüsterte die Schwägerin der jungen Frau ins Ohr, als dieser und ihr Gatte über einen wissenschaftlichen Gegenstand mit Maimuni sich unterhielten. „Euer Mund ist ja voll von ihm, von seinem Geiste und Wesen; es ist wahr, er ist ein hübscher junger Mann, in seinen Augen liegt viel Ausdruck, mehr Gutherzigkeit und Leidenschaft als Thatkraft." „Du willst doch gleich die Seele ihm aus den Augen lesen," entgegnete lächelnd die Hausfrau; „mein Mann hat ihn in sein Herz geschlossen und liebt ihn wie unseren kleinen Abraham, ich bin manchmal eifersüchtig auf ihn, wenn er nicht inüde wird, ihn zu belehren, mir aber die Stunden kärglich zuniißt. Er äußerte neulich: wie man ein Buch sorgfältig und möglichst fehlerfrei ausstatten müsse, bevor man es in die weite Welt sende, ebenso sollten die Schüler, seine lebendige Geisteskinder, mit Lehre und Beispiel wohlversehen hinausgehen, 20