Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1881)
- Date
- 1881-10-01
- Page
- Seite 240 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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240 „Kennst du ihn denn genauer?" „Er theilt mein früheres Schicksal, das erweckt schon von vorn herein meine Sympathie für ihn." „Sein Schicksal gleicht den, deinen? Ich bin sehr begierig, es zu hören, theile mir doch Näheres von ihm mit," drang sie in ihren Mann. „Jbn-Aknim," erzählte er ihr nun, „ist aus meiner früheren Heimath, Maghreb, aus der Stadt Ceuta, nicht sehr weit von Fez, mußte durch die Unduldsamkeit Abdulmuniens, wie wir zum Scheine der Religion Muhameds huldigen, während er zu Hause im Verborgenen in der Lehre Moses', in Bibel und Talmud unterrichtet wurde. Er scheint auch, gleich mir, eine Vorliebe für Heilkunde und Mathematik zu hegen. Auch er ist, um den schmachvollen Glanbenszwang zu entgehen, ausgewandert und lebt jetzt in Alexandrien; es geht ihm aber in Egypten wie mir in der ersten Zeit, er fühlt sich da nicht heimflch, ist betrübt und unglücklich und mochte in meinem Hause Halt und Stütze suchen." „Nach seinem Schreiben wünscht er nichts sehnlicher, als dein Schüler zu werden, nimm dich seiner an, nach deiner Schilderung verdient er unsere innigste Theilnahme." „Ich will noch heute an ihn schreiben," sagte Maimuni, und ihn einladen, hierher zu kommen." — Kurz nach Empfang des Briefes eilte Aknim mit pochendem Herzen nach Fostat, um dort zu den Füßen des von aller Welt gepriesenen Meisters zu sitzen, der wie Keiner vor ihm die bibli.sche Wahrheit mit der griechischen Weisheit, die talmudische Überlieferung mit profaner Wissenschaft innig verschmolz. Er sehnte sich, den Manu von Angesicht zu Angesicht zu schauen, den man das „Licht Israels" den „Einzigen des Zeitalters" genannt hat, den berühmten Verfasser der zwei großartigen Werke Mischnaerklärung und Mischneh-Thora (Gesetzcodex). Sein Empfang in dessen Hause war ein über alle Erwartung herzlicher, denn er kam zu einer glücklichen Stunde. „Ich halte dein Kommen gerade an dem Tage, da meine Gattin inich mit einem Erstgeborenen beglückt hat, für eine günstige Vorbedeutung," sagte Maimuni, „du wirst mir, so hoffe ich, ein Jünger werden, treu wie ein Sohn, der die Lehren des Vaters festhält und verbreitet. Halte dich zu der Schaar derjenigen Talmudisten, welche auch die Wissenschaften Pflegen und in jeder das Gediegene von den Schlacken trennen, die Perlen ans den Muscheln holen, nicht zu denen, welche Bildung und Erkenntniß von sich weisen und um jede Äußerlichkeit Haß und Zwietracht säen. Studire fleißig das talmudische Werk Alfaßis, vergleiche es mit meinem Codex und bezüglich der „Religionsphilosophie halte dich an Saadja, der bis jetzt am deutlichsten die Übereinstimmung der Vernunft mit dem Glauben gelehrt und die Bernunftgemäßheit der mosaischen und nachmosaischen Satzungen des Judenthums zu erweisen gesucht hat." „Nein, Meister!" rief der junge Mann in bittendem Tone, „nicht ans todten Büchern laß mich lernen, das könnte ich^ überall, laß mich die Wahrheit aus deinem Munde vernehmen, deine Weisheit soll meine Zweifel Niederschlagen. Wie ein Reh nach der frischen Wasserquelle schmachtet, so lechze und verlange ich, aus deiner lebendigen Quelle zu schöpfen, an deinem reich sprudelnden Borne mich zu laben. Dein Geist soll mich leiten, dein Licht soll mir leuchten." — Je bekannter und vertrauter Meister und Jünger mit einander wurden, desto mehr wuchs ihre gegenseitige Zuneigung. Jener hatte eine Freude daran,