Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1881)
- Date
- 1881-10-01
- Page
- Seite 237 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2969670-2969681--0252-2970660- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
237 „Mit einer Abwesenden Spott treiben ist unedel. Du mußt dich deiner Schwester annehmen, Abulmaali, und es deiner Gattin wehren," sagte Maimuni halb ernst, halb lächelnd. „Mir kann es nur lieb sein," erwiderte der Geheimschreiber mit heiterer Laune, „sehr lieb, wenn ein lechzender, dürrer Baum, in unseren Garten versetzt, da vielleicht noch Früchte trägt." Als ob sie die Reden der Männer überhört hätte, fuhr sie fort: „Die Thörin scheint dir noch mehr, als du ihr, zngethan zu sein. Sie ist von deinen Geistesblüthen berauscht; eitel, wie wir Frauen alle, wäre es ihr sicherlich nicht unerwünscht, wenn du uni ihre Hand anhieltest, um sie zur Gattin des berühmten Rabbi, des tüchtigen Arztes und bewunderten Philosophen zu küren. Der blendende Glanz dieser Eigenschaften ließe sie deine fünfzig Jahre übersehen." „Wenn sie große Fehler übersehen kann, dann besitzt sie jedenfalls die unentbehrlichste Eigenschaft zu einer biederen, friedlichen Ehefrau," scherzte Maimnni und setzte in ernstem Tone hinzu: „Meine nachsichtige Schwägerin scheint aber auch die Schatten meines Berufes zu übersehen; ich habe nicht nur Verehrer, sondern auch viele Gegner, die mir manche Stunde vergällen. Besonders schnellen sie gegen mein letztes,Werk Mischneh-Thora ihre giftigen Pfeile ab, ohne zu bedenken, daß darin ein' Jahrzehnt meines besten Mannesalters geopfert liegt. Die beschränkten Talmudisten hier blicken kaum hinein, sie fürchten wahrscheinlich, eines Besseren belehrt zu werden. In Alexandrien soll ja gegen meine Anhänger, die auf Grund meines Religionscodexes Neuerungeil eingeführt haben, beinahe ein Aufstand ausgebrochen sein. Da liegen zwei Briefe vom Rabbiner Pinchas daselbst, die ebenso befangen als hämisch gehalten sind. Auch das stolze Oberhaupt des Lehrhauses in Bagdad, Samuel ben Ali, eifert gegen meine Ansichten und bekämpft die geringfügigste Meinungsverschiedenheit als unerhörte, Neuerung." „Über solche Angriffe mußt du erhaben sein, theuerer Bruder, viel Schatten erhöht nur das Licht." „Dieses Oberhaupt in Bagdad will wahrscheinlich keinen geistig Begabteren neben sich anerkennen. Es klingt ja für einen ernsten Talmudisten fast unglaublich, was mir ein zuverlässiger Reisender, der von dort kam, von dem pomphaften Auftreten Alis erzählt hat," sagte Abulmaali. „Seine Hochschule sollen zweitausend Jünger besuchen. Vor ihnen sitzt er auf einem erhabenen Katheder, wie auf einem Throne, in Kleider mit Goldbesatz und Stickereien gehüllt. Er besitzt ein Hans in Bagdad, schön und geräumig wie ein Palast, darin stehen sechzig Sklaven seines Winkes gewärtig, und außerhalb der Stadt noch einen herrlichen Lustgarten. Bei seinen Vorlesungen hat er die alte Sitte wieder eingeführt, zu seinen Zuhörern durch einen Dolmetsch zu sprechen, der das Vorgetragene ihnen erklärt. In der Mitte eines Collegiums, von neun Männern sitzt er jeden Montag zu Gericht, ernennt selbständig Richter und Rabbinen und übt nicht nur unter den tausend jüdischen Familien in Bagdad, sondern auch im ganzen Chalifate die höchsten religiösen und richterlichen Functionen." „Du hast vergessen," ergänzte die Frau, „daß der Reisende noch erzählte, Samuel ben Ali habe eine hochgelehrte Tochter, die ebenfalls Vorlesungen halte, ohne daß die Jünger ihr Gesicht sehen dürften, und der Ruf seines Lehrhauses sei schon so weit gedrungen, daß vor Kurzem sieben tartarische Fürsten, die das jüdische Bekenntniß anzunehmen beschlossen hatten, zu ihm Boten gesandt haben, er möchte ihnen Religionslehrer schicken.