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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1881-10-01 · Heft 10 (1.10.1881) · p. Seite 235

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
1 (1881)
Issue
Heft 10 (1.10.1881)
Date
1881-10-01
Page
Seite 235 (sequence 11)
Language
German
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235 aller Dinge sei, der allein den höchsten Sphärenkreis lenke, so lehrt er dasselbe auch dogmatisch, es sei eine verbindliche, religiöse Pflicht, zu erkennen und zu glauben, daß es ein Wesen gebe, welches alle Geschöpfe hervorgebracht hat. Wer an diesem Glauben rüttele, rüttele an der Weltwcisheit und Religion zugleich. So hat er selbst deil trockensten religösen Lehrsätzen eine wissenschaftliche Behandlung und vernunftgemäße Beleuchtung gegeben und gezeigt, wie >chön und harmonisch Wissenschaft mit Religion sich paaren lasse. Gauben und Denken, Theologie und Philosophie, sind ihm keine Gegensätze, keine feindliche Stiefgeschwister, vielmehr verträgliche Kinder einer und derselben Mutter entsprossen, Ausstrahlungen der Vernunft, die recht wohl in innigster Eintracht verbunden bleiben können. Wie jedes sichere Ergebniß der Vernunft dem Denkenden ein Gebot ist, ebenso ist nach Maimonides auch jedes biblische Gesetz nicht deshalb verbindlich, weil es die Bibel gebietet, sondern weil es stets, klarer oder dunkelcr, eine vernünftige Bedeutung widerspiegelt. Um nun überall in denr bedeutendsten, wie im geringsten Geböte, in jeder Vorschrift und Cerenivnie, diese vernünftige Bedeutung hervorzukehren, hat er allerdings oft den klaren Wvrtsinn der Schrift gewaltsam und willkürlich deuten müssen, was ihm viele heftige Gegner erweckt hat. Maimuni hat ein streng systematisches Gebäude errichtet und seinen Grundgedanken bis in die geringfttgifte Einzelheit verfolgt. Es war ihm heiliger Ernst, die Stellung der Schrift zur Vernunft und Philosophie möglichst eingehend klarzulegen. Von jeher waren nämlich die Denker mit der Frage beschäftigt, ob die Schrift der Vernunft, oder diese der Schrift angepaßt werden müsse. Beide Prinzipien, allzustraff angewandt, führen nothwendigerweise zu halbwahren Deutungen. Wer die Schrift der Zeitphilosophie anpassen will, wird den Propheten Manches andichten, woran sie zu jener Zeit nicht dachten, und ihre Worte falsch erklären; wer hingegen umgekehrt die Vernunft blos zur Dienerin der Religion macht, der beraubt sich von vorn herein jedes freien Urtheils, tappt blind umher und zwängt seinen von Gott ihm verliehenen Geist in allzuenge Fesseln. Der erste, der unter den Israeliten mit Entschiedenheit lehrte, daß sich die Schrift nach der Vernunft richten müsse, war Maimonides. Er ist fortan das Vorbild aller derjenigen israelitischen Denker und Theologen gewesen, welche die Wissenschaften mit religiösem Ernst und die Glaubenswahrheiten mit wissenschaftlichem Geiste durchdrangen. So gewissenhaft aber auch Maimunis Streben war, den Glanz des Judenthnms zn heben und dessen Lehre auf die Höhe spekulativer Erkenntnis zu stellen, es wurde doch von vielen Seiten scharf bemängelt. Theils von den Verkleinerungssüchtigen, die gern das Strahlende schwärzen und das Erhabene in den Staub ziehen, theils von den Ueberfrommen und den allzu strengen Talmudisten, die jede freie Meinung als Ketzerei verschrieen, theils auch von einsichtigen Gegnern, die unter Anerkennung seiner hohen Verdienste ihre entgegengesetzten Ansichten mit aller Entschiedenheit geltend machten. Da er jedoch eine weit größere Schaar schwärmerischer Verehrer und begeisterter Schüler hatte, die für ihn Partei nahmen, so entstand aus diesem Widerstreite der Meinungen anfangs schüchtern und geräuschlos, dann immer ungestümmer und leidenschaftlicher eine Gelehrtenfehde, welche die israelitische Welt im Morgen- und Abendlande fast ein halbes Jahrhundert lang in Athem und Spannung hielt, schließlich sich sehr scharf zuspitzte und sie in zwei gegen einander höchst erbitterte Parteien theilte.

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