Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1881)
- Date
- 1881-10-01
- Page
- Seite 234 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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234 und Sammlung störte und von der Andacht abzog. Mit Strenge wachte er darüber, daß keine karäischen Mißbräuche in die Gemeinde eindrängen. Und dennoch als er gefragt wurde, wie man sich gegen die Karäer, eine kleine jüdische Sekte, welche den Talmud, die rabbani tische Auslegung der Bibel, nicht anerkennt, zu erhalten habe, ricth er zur Milde und Friedfertigkeit, Die Rabbanitten sollten die Karäer nicht schmähen und verachten, sondern ihnen stets mit Freundlichkeit begegnen, sie sollten sie besuchen, ihre Todten begraben und ihre Trauernden trösten. Lehre ja der Talmud Schonung und Freundlichkeit gegen Andersgläubige, sogar gegen Heiden und Götzendiener, geschweige denn gegen eine israelitische Sekte, die den einzigen Gott anbetet. — Trotzdem aber seine Kräfte von verschiedenen Seiten her in Anspruch genommen wurden, in seinen, Berufe als Rabbiner und Arzt und durch Briefwechsel mit Gemeinden und Privaten, arbeitete er nnt erstaunlichem Fleiße an seinem größten Werke, seinem Religionscodex, den er (1180) unter dem Namen Mischneh Thora vollendete, an einem Werke, welches im nächsten Dezennium bis ans Ende der bewohnten Erde drang, und die Geistesgröße des Verfassers im Morgen- und Abendland verkündete. ' Das mächtige Werk enthält in vierzehn Büchern den gesammten talmu di scheu Stoff kunstvoll geordnet, klar und zusammenhängend in einem leicht verständlichen Hebräisch dargestellt. Der Zweck desselben sollte zunächst der sein, daß der Lernbegierige zum Studium der Tradition und Religionsgesetze nicht mehr nöthig habe, im Labyrinthe des Talmud mühevoll den Faden zu suchen, der ihn aus dem Gewirre der Meinungen und Streitfragen sicher herausführt. „Man kann dem Uneingeweihten keine Vorstellung von diesem Riesenwerke beibringen wie er da die entlegensten Einzelheiten aus dem unergründlichen Schacht des Talmud zusammengeträgen, das Gediegene aus den Schlacken herausgearbeitet, die Einzelheiten an Ort und Stelle nntergebracht, das talmudische wieder an das Biblische angeknüpst, das Besondere mit dem Allgemeinen verbunden und das scheinbar Zusammenhangslose zu einem organischen Ganzen, zu einem Kunstwerke zusammengekettet hat. Das Philosophische, das Sittliche, das Ritnalgeschichtliche und, so zu sagen, die gemüthliche Seite des Jndenthnms, die sich in der Hoffnung auf die messianische Erlösungszeit ausspricht, Alles ist darin gleichmäßig gewürdigt. . . Man kann fast sagen, daß Maimuni einen neuen Talmnd geschaffen hat. Es sind die alten Elemente, man kennt ihren Fundort, ihr ursprüngliches Gefüge, aber unter dieser Behandlung, Gruppirung und Verarbeitung nimmt sich Alles ganz anders aus. Der Rost ist entfernt^ das entstellende Beiwerk beseitigt, Alles erscheint umgegossen, geglättet, frisch und neu . . . Sein Werk sollte sämmtliche vorangegangene Arbeiten überflüssig machen. Der Rabbiner, welcher Vorkommnisse des täglichen Lebens in religiösen und richterlichen Angelegenheiten zu entscheiden hat, der Fromme, welcher seiner religiösen Pflicht, das Gesetz zu kennen, genügen will, der Wißbegierige, welcher sich Talinndkenntniße. aneignen möchte, sie alle sollen sich nicht mehr durch das Dornengestrüppe der halachischen Diskussion hindurchzutvinden brauchen, sondern neben der heiligen Schrift sich aus dem Codex des Mischneh-Thora vollständige, allseitige Belehrung holen können. Sein Lieblingsstudium, die aristotelische Philosophie, hat Maimuni künstlich in die religiösen Lehrsätze hineinverwebt. Gleich das erste Buch, das Buch der Erkenntniß, spiegelt uns treu seine philosophische Weltanschauung, ab. Wie er das Dasein Gottes metaphysisch begründet, daß nämlich Gott der einzige Urgrund