Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1881)
- Date
- 1881-10-01
- Page
- Seite 233 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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233 schreiben nach Jemem zn senden, um die dortigen Gemeinden aufzurichteu und sie in ihrem religiösen Bewußtsein wieder zn befestigen. Maimonides antwortete ausführlich in arabischer Sprache. In diesem berühmt gewordenen Sendschreiben heißt es unter Anderem: „Israel darf durch Drangsale nicht an der Wahrheit seines Glaubens irre werden. Seine reine Religionsanschauung ist zu allen Zeiten der Neid der anderen Völker gewesen, daher suchten diese es zuin Abfalle zu bewegen. Die Völker des Alterthnms gingen mit Gewalt und Zwang vor, die gebildeten Griechen, Perser und Römer versuchten durch sophistische Überredungskünste, die Juden zu ihrem Aberglauben zu bekehren. Christenthum und Islam jedoch haben einen neuen Weg eingeschlagen, inden: sie wohl unseren Gott und die Göttlichkeit unserer Lehre anerkennen, aber durch ihre neuen Offenbarungen sie umgestalten und dafür ein blasses Abbild setzen." Er ermuthigte die Leidenden, standhaft auszuharren; nach derlangen Nacht werde endlich der von den Propheten verheißene Morgen anbrechen. „„Erwäget dies meine Brüder," so tröstet er, „und lasset euch nicht von dem Üebermaße der Leiden niederbengen. Es dient nur dazu, um euch zu prüfen und zu zeigen, daß nur die Nachkommen Jakobs, die Enkel derer, welche am Sinai die Lehre empfangen haben, im Besitze der wahren Religion sind." Apostaten und verführende Schwärmer müßten nach Gebühr abgewiesen und ihre Beweise als das betrachtet werden, was sie in Wahrheit sind, als hohle Redensarten und schwaches Spinngewebe. „So mögest du denn," schließt das Sendschreiben, „dies den Gemeinden mittheilen, doch mit Vorsicht, daniit nicht Bösetvichter davon Kunde bekommen. Ich selbst war bange beim Niederschreiben, aber wo es das Gemeinwohl gilt, da muß die Rücksicht auf die eigene Gefahr schwinden. Ihr werdet jedoch niit Weisheit zu Werke gehen, und die im frommen Sinne wirken, werden nicht zu Schaden kommen. Es strahle Friede über dich und ganz Israel!" Diese warm und tief empfundenen Worte, wie der ruhige, klare Ton haben auf die Israeliten Jemens einen tiefen Eindruck gemacht. Sie blieben standhaft während der Zeit des Religionszwanges, welcher später durch den Einfluß des zu hohem Ansehen gelangten Maimonides von ihnen abgewendet wurde. Ihre Dankbarkeit und Verehrung für ihn war unbegrenzt. Sein Name wurde daselbst in das tägliche Gebet eingeschaltet, eine Ehre, welche man nur den früheren Exilsfürsten erwiesen hatte. Als der große Sohn Maimuns in das reifere Mannesalter eintrat, da war seine wissenschaftliche Bedeutung schon allgemein anerkannt und sein Name zur Höhe einer Berühmtheit emporgestiegen. Obwohl still und geräuschlos arbeitend, würde er von seinen Verehrern aufgesucht und init Anfragen überhäuft. Auch das Veilchen blüht bescheiden iin Verborgenen, aber von seinem balsamischen Dufte angezogen, holen es die Liebhaber, die sich davon erquicken wollen, aus seinem Verstecke hervor ans helle Tageslicht. — Nachdem seine Entscheidungen und Gutachten schon früher zur religiösen Richtschnur gedient und rabbinisches Ansehen genossen hatten, wurde er 1177 officiell zum Rabbiner der bedeutenden Gemeinde zu Kahira ernannt. Mit neun Beisitzern verwaltete er sein Amt, das ihn neben seiner ärztlichen Praxis vollauf beschäftigte. Denn was Maimuni unternahm, das trieb er mit Ernst und Gewissenhaftigkeit. Wie in seinen Schriften überall Klarheit, Zusammenhang und Ordnung herrschte, so war ihm strenge Ordnung und System oberster Grundsatz auch in der rabbinischen Amtsführung. Die Wiederholung des stillen Gebetes in der Synagoge schaffte er ab, weil er bemerkt hatte, daß die Theilnahmslosigkeit der Gemeinde dabei die Ruhe