Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1881)
- Date
- 1881-10-01
- Page
- Seite 228 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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228 sondern nur noch als ein unförmliches veraltetes Volksgebilde dastehen wird, auf das die übrige Menschheit mit einem gewissen Entsetzen hinblickt? Ihr habt hochgebaute Häuser und weiträumige Paläste, rief er von den Bewohnern Jerusalems aus, aber ich wünsche Euch noch dazu, daß in diesen auch der Friede heimisch sei, durch welchen der Einzelne mit der Gesamtheit sich innig verbunden fühlt, in euren Palästen jene Eintracht wohne, die euch das Dasein mit den lieblichsten Reizen schmücket, und der lebendige Gottessinn, aus dem alles Edle sich entfaltet, da als des Lebens Heilesschatz stets in Treue gehütet und bethätigt werde. Und ähnliche Betrachtungen, wie sie damals jenem von Liebe zu seinem Volke erglühten Psalmdichter bei dem Anblicke der herrlichen Gottesstadt nahe lagen, wollen auch heute unserein Geistesblicke sich darbieten, wenn wir denken an den Frieden in Israel, der an dem heutigen Tage, an welchem wir vereint vor Gott erscheinen, zn neuem Bestände gelangen soll, zu tieferer Begründung und Befestigung. Es hat Zeiten gegeben, da haben die gleichen Leidensgeschicke uns geeint, da hat unter dem Drucke, der von außen her auf uns lastete, notwendig eine engere Verbindung nach innen sich vollziehen müssen, da war es die Lebensgemeinschaft in Not und Schmach, bei der der eine sich ans den anderen angewiesen sühlte, so daß Israel bei aller Zerstreutheit als ein Ganzes dastand, dem in dem geistigen lebendigen Zusammenhänge ein reicher Ersatz geboten war für die traurige Abgeschlossenheit, die ihm durch den Druck auferlegt war. Nun diese Zeiten sind, wenigstens für jetzt vorüber, und mögen unsere Feinde sie noch so sehnlich herbeiwünschen. Wenn wir das Einst mit dem Jetzt vergleichen, da ist es uns, als ob das Israel der Gegenwart gar nicht mehr dasselbe wäre wie das Israel der Vergangenheit. Man spricht nicht mehr von Elend und Erniedrigung, ohne welche man sich Israel früher gar nicht denken konnte, ja, wenn wir den Äußerungen unserer Widersacher glauben sollten, und die haben für derlei ein scharfes Auge, wären jetzt Macht, Glanz, Einfluß und Überfluß an irdischen Besiztümern in den Händen Israels. Fragen wir uns aber, indem wir dies, so weit es richtig ist, zugestehen, wie es denn mit unseren geistigen Besiztümern gegenwärtig bestellt ist, mit unserer innern Lebensmacht, deren Mangel durch den äußeren Prunk nicht ersetzt werden könnte? Ist es nicht, als ob, seitdem nicht mehr das gemeinsame Leid den Kitt unseres Zusammenhanges bildet, in Israel eine Zerfahrenheit und Verfallenhcit eingerissen wäre, die man in den düstersten Farben schildern könnte und dabei noch weit hinter der Wirklichkeit zurückbliebe? Sehen wir uns einmal die großen Gemeinden in Israel an! von den kleinen, die ihren früheren Glanz längst eingebüßt haben, gar nicht zu sprechen. Wo ist da Verständniß und Begeisterung für das wahre Judentum vorhanden, für die erhabenen Lehren der Religion? wo ist da noch jüdisches Wissen und ernster Sinn für die Verherrlichung unseres Glaubens anzutrefseu? Unsere Männer, sind sie noch von dem edlen Streben für das Höhere so beseelt, daß sie, wie es ehedem gewesen, gerne bereit sind, dafür mit ihren besten Kräften einzustehen lind durch ihr eigenes Thun und Wirken das jüdische Geistesleben zur Höhe und zur Blüte zu bringen? Denken die Eltern noch daran, ihre Kinder auch mit der Lehre Israels bekannt zu machen, und wenn sie daran denken, ist es ihnen auch darum zu thun, daß dies in der rechten Weise geschehe? Hat man nicht, ohne daß auch nur Einer dagegen eintrat, den Unterricht in der Lehre des Judentums zu einem herrenlosen Gute gemacht, damit jeder Unberufene ohne Weiteres nach eigenem Gutdünken verfahren kann,