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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1881-10-01 · Heft 10 (1.10.1881) · p. Seite 227

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
1 (1881)
Issue
Heft 10 (1.10.1881)
Date
1881-10-01
Page
Seite 227 (sequence 3)
Language
German
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227 alten Gottesstadt, die wie in neuer Herrlichkeit wieder ans ihren Trümmern erstanden war und nun in ihrem vollen Glanze vor seinen Augen ausgebreitet lag. Wie hatte sich da alles verändert und umgestaltet, seitdem die aus ihrer Heimat vertriebenen Söhne Judas wieder zurückgekehrt waren! Palästina schien jetzt gar nicht mehr dasselbe Land zu sein, das es noch vor Kurzem gewesen war; wie ein blühender Garten, in dessen Beeten die Rose duftet und die Lilie ihre silbernen Kelche entfaltet, so lagen sie nun da, die lieblichen Gefilde und Weingelände, die man sich lange nicht anders als von wüsten Gestrüppen und von überwuchernden Schlingpflanzen bedeckt denken konnte. Auf den Wegen Zions, den verödeten, die nur selten eines Menschen Fuß betreten, zogen nun die fröhlichen Wallfahrer dahin, die frommen Pilger, die bei der Festversammlnng in der heiligen Gottesstadt nicht fehlen wollten und, Jerusalem, das zerstörte, in dessen Ruinen die Schakale hausten, Jerusalem, ist jetzt die große Stadt, in der ein Prachtbau an den anderen sich anreiht, in der Alles sich vereinet, um sie zu einem Wohnsitze der Herrlichkeit zu gestalten! Da ziehen die. Stümine hin, die Stämme Gottes, um Zeugnis; zu geben, daß Israel noch lebe, und in tausendstimmigen Dankeschören zu besingen den Namen des Ewigen. Da waren die Throne Davids wieder aufgerichtet, die Throne, von denen herab das Recht der Wahrheit verkündet ward. Was, fragte sich der fromme Psalmdichter, der bei dem entzückenden Anblicke, wie er ihm hier vor Augen trat, sich nicht enthalten tonnte, ein Lied der Herrlichkeit Jerusalems zu singen, könnte ich dieser Stadt noch wünschen, das sie nicht schon längst besäße? 'Was kann der Königin der Städte, die die Krone der Vollendung auf ihrem Haupte trügt, zu ihrer Ruhmwürdigkeit noch fehlen? Und noch einmal blickt er auf die herrlichen Paläste hin, die wie bunte Blütenkränze um die belebten Straßen sich hindehnen, und breitet dann zum Segen seine Hände aus, betet für das Heil Jerusalems und spricht: die dich lieben, die mögen deines Glückes sich erfreuen! O daß in diesen Mauern Frieden herrsche, so betete er, und Eintracht walte in diesen Palästen, in den Häusern Israels! und so der Segen Gottes auf ihm ruhe, an ihm sich sichtlich bekunde, sich für die Dauer bewähre! Und wahrlich! er hatte mit diesem schlichten Wunsche eine gar tiefe Lehre ausgesprochen, eine sinnvolle und gehaltvolle Mahnung verkündet! Er hatte an die Zeiten zurückgedacht, in denen Israel nicht in herrlichen Städten gewohnt, nicht unter hohen Mauern Schutz gefunden, nicht die mit aller Pracht ausgestatteten Paläste besessen hatte, aber Friede und Freudigkeit und Innigkeit und Herzenswonne dennoch in feiner Mitte heimisch waren, tveil alle als Kinder eines Vaters sich betrachteten und die seelenvolle Glaubenstreue, die sie als ein kostbares Geistesgnt in ihren Herzen bewahrten, sie alle zu einem Bruderbünde einte, in welchem der eine dem anderen mit hingebender Theitname zur Seite stand und ein jeder da sich beglückt fühlen durfte in dem Bewußtsein, demselben anzugehöreu und redlich mitzuwirken an dem Anfbaue des gemeinsamen Heiles. Wird das jetzt auch so bleiben? fragte sich der fromme Sänger, wird auch jetzt noch der lebendige Gottessinn, der in jedem Herzen gehegt und gehütet wird, das geistige Band sein, das die Glaubensgemeinde Israels zusammenhält? oder wird der Eigendünkel an seine Stelle treten, der den Einzelnen der Gesammtheit immer mehr entfremdet, und zugleich mit der Machterweiterung und Glanzentfaltung Israels nach außenhin in seiner Mitte Zersetzung und Auflösung nach innen sich vollziehen, so daß Israel nicht mehr als eine im Geiste der ewigen Wahrheit sich stets verjüngende Glaubensgemeinde, die ein ehrwürdiges Ansehen hat, 19*

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