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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1881-09-01 · Heft 9 (1.9.1881) · p. Seite 222

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
1 (1881)
Issue
Heft 9 (1.9.1881)
Date
1881-09-01
Page
Seite 222 (sequence 22)
Language
German
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222 Scheidewasser geprüft. Alles Wahre und Strahlende muß im Kampfe sich bewähren, durch Schmerzen und Leiden gestählt, in der harten Schule des Lebens erprobt werden. Auch Israels größter Geistesheld iin Mittelalter sollte schwere Prüfungen bestehen, mit harten Schicksalsschlägen heimgesucht werden. Die Schreckenskunde, David sei im indischen Meere untergegangen, hatte ihn fast zur Verzweiflung gebracht. Der Tod des heißgeliebten Bruders und zugleich der Vertust fast des ganzen Vermögens und noch anderer zum Geschäftsbetriebe entliehenen Gelder, der trostlose Anblick der verlassenen, jammernden Wittwe Davids nebst ihren, verwaisten Töchterlein, das noch nicht wußte warum es mitweinte, Mutter und Schwester ohne Stab und Stütze, diese kläglichen Umstände, zu welchen sich noch Angebereien wegen seines Religionswechsels gesellten, hätten seine Kräfte aufgerieben und seinen Mnth gebeugt, wäre Maimonides keine gottessnrchtige und vertrauensstarke Natur gewesen. Doch ganz spurlos gingen diese Leiden an ihm nicht vorüber. Sein Körper blutete an allzu vielen Wunden; dieses Uebermaß der Schmerzen warf ihn aufs Krankenbett, auf welchem er schwere, schmerzliche Tage zubrachte. Als er einmal aus seinen Fiebertrünmen erwachte, stand die Schwester am Eette, legte ihre Hand auf seine brennende Stirn und sprach ihm Mnth zu. „Versuche doch, geliebter Bruder, den Gram zu bekämpfen," bat sie mit erheuchelter Standhaftigkeit, „dann wird auch die Krankheit schneller gehoben werden. Was die Erde deckt, soll der Mensch vergessen, wenigstens nicht immerfort im Gedächtnisse tragen." „Leider deckt ihn nicht die Erde, kein Mensch kennt sein Grab", seufzte der Kranke, „wir können zur Jahreszeit nicht einmal an seiner Gruft beten." „Rege dich nicht immer von Neuem auf; auch die entliehenen Gelder werden wir nach und nach bezahlen. Die Gläubiger nehmen an unserem Schicksale lebhaften Antheil und drängen nicht. Weißt du, wovon dir geträumt hat? Von einem Baume in der Wüste, der ohne schützendes Laubdach, ohne nährende Quelle von der sengenden Gluth verzehrt wird. Ich erinnerte mich, daß du einmal eine ähnliche Stelle aus deinem Werke dem seligen Bruder vorgelesen hast und ließ mir deßhalb Spruch und Bibelvers von einem deiner Schüler, die täglich Herkommen und nach deinem Befinden fragen, aufschlagen. Da machst du eine Anmerkung, die du vor allen Dingen für deinen Zustand dir merken müßtest. Du schreibst: Weß' Weisheit größer als seine Thatkraft, gleicht einem Baume in der Wüste. Diesem Satz stimmen alle Philosophen bei, der Weltweisheit müssen schöne Vorsätze und T ha ten voran gehen. Auch du mußt dich ermannen, wenn deine Philosophie Werth haben soll. Wenn du jener Baum in deiner Fieberhitze sein solltest, so kannst du unmöglich in einer Wüste verlassen dastehen; ans wessen Geiste so zahlreiche labende Quellen fließen, der verwandelt rasch die Einöde in fruchtbares Ackerland und dessen Schatten ist labend und erquickend. Die Schüler, die täglich aus deinen frischen Quellen schöpfen, können die Zeit nicht erwarten, da du sie wieder labst und erquickst. Die gute Mutter und ich werden uns bemühen, dir als schützendes Laubdach zu dienen, um von deinein Haupte die sengende Gluth abzuwehren. Sieh zu, daß du bald wieder genesest, denn ein kranker Arzt, ein phantasirender Lehrer und ein verzweifelnder Philosoph sind in der That mit einem dürren Baum zu vergleichen, der keine Früchte trägt, sobald du aber gesund wirst, werden deine Blüthen wieder ihren Duft verbreiten, und deine Früchte Auge und Herz erfreuen." (Fortsetzung folgt.)

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