Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1881)
- Date
- 1881-09-01
- Page
- Seite 219 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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219 „Zion!" ertönte es voll freudiger Überraschung aus dem Munde aller Begleiter. „Zion!" rief das Mädchen, „das ist die Burg, wo der Held gewohnt, der den Riesen Goliath bezwungen, der König, der einst Hirtenknabe gewesen, der kleine Mann mit dem großen Geiste, der tapfere Feldherr und der Dichter, der die herrlichsten Psalmen gesungen; dort erklang die wunderbare Leier, deren Saiten durch Jahrtausende hallen sollten!" „Zion!" sagte Moses, „das ist noch in unserer Gegenwart das Zauberwort gewesen, welches unserem innigsten Dichter, Juda Halevy die ergreifendsten Lieder hervorgelokt. Ich bin kein Freund der Poesie, weil das Beste daran das Erlogene ist, aber die Zioniden Halevys haben mir, so oft ich sie gelesen, das Herz im Leibe gerührt und mein Gemüth ungewöhnlich aufgeregt." Sie bestiegen den Hügel, und Maimun recitirte wie unwillkürlich die Worte: „Ach, wie einsam liegt da die Stadt, die einst so volkreiche, wie eine trauernde Wittwe." „Wir müssen jetzt," sagte Jephet, „alle Klagetöne und Mißklänge, die diese Stadt in uns hervorrnft, unterdrücken, um uns den Genuß nicht zu verderben. Der Himmel ist wolkenlos und begünstigt die Fernsicht. Hier ist jeder Berg, jedes Thal, jeder Stein Zeuge großer Begebenheiten; die Anhänger aller Religionen, Juden, Christen und Muhnmedaner haben hier ihre heiligsten Erinnerungen und stehen voll Ehrfurcht und erhabener Empfindungen vor denselben; denn das göttliche Licht, welches in diesem Lande zuerst unser Heiligthum erhellte, hat in der Folge seinen himmlischen Glanz über viele Völker der Erde verbreitet. — Dort ist Morija, wo Abraham einst seinen einzigen, geliebren Sohn auf Geheiß des Herrn opfern wollte, wo der Tempel gestanden, und heute die Moschee des Omar sich erhebt, nächst der in Mekka das größte Heiligthum der Mnhamedaner, weil nach ihren Legenden da die Stelle sein soll, wo ihr Prophet gen Himmel fuhr. Gerade gegenüber jetzt das wasserlose Bett war in alter Zeit der Bach Kidron, über welchen eine Brücke zum Ölberg führt, der in der jüdischen, wie christlichen Überlieferung fromme Erinnerungen wachruft. Es stehen noch uralte Ölbäume daselbst, und die Aussicht von da ans die Stadt und Umgebung ist unvergleichlich; auf dem höhern, nördlichen Gipfel soll der Stifter des Christenthums in den Himmel gefahren sein. Rechts von der Kidronbrücke befinden sich die Gräber Absalons, Josaphats und des Propheten Sacharja. Die Muhamedauer haben einen Haufen Steine vor das Grab Absalons, der gegen seinen Vater David Krieg geführt, geworfen. Es liegt ein hoher, sittlicher Ernst in diesem Brauche, indem sie Steine vor seine Gruft werfen, sprechen sie laut einen Fluch aus gegen den widerspenstigen Sohn und wider Jeden, der seinen Eltern nicht gehorcht. Die Thore, welche wir ringsum sehen, sind: das alte Thalthor, von wo aus man nach Jaffa gelangt, das Damaskusthor, früher das Thor Ephraim, das Töpfer- und Ziegelthor, und das Wasserthor; dort in der Nähe der Ruinen von den Thürmen Hananel und Mea das Schafthor, das Brunnenthor in der Nähe des alten Teiches Silo ah. Die liebliche Quelle Siloah oben am Ende des Thales Josaphat ist ein wahrer Segen für die Bewohner der Stadt, denn Jerusalem ist sehr wasserarm; nirgends in der ganzen Umgebung findet der Pilger einen frischen Quell, um die lechzende Zunge mit einem Trünke Wassers zu erquicken, nirgends findet er einen kühlenden Schatten, uni von der mühseligen Wanderung auszuruhen, nur am Quell Siloah ist es ihm vergönnt, den vertrockneten Gaumen 18*