Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1881)
- Date
- 1881-09-01
- Page
- Seite 215 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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215 Vater berichtigend hinzu, „hat vor einigen Jahren nachdrücklich zur Auswanderung angerathen. Aber kann denn jeder sogleich zum Wanderstabe greifen? Der Jude, wenn er auch als Fremder behandelt wird, hängt doch mit Treue und Liebe, mit allen Fasern des Herzens an seinem Vaterlande." „Auch an der Religion der Väter muß man mit allen Fasern des Herzens hängen," versetzte sie. „Sehr richtig," nahm Moses das Wort, „aber war es nicht stets des Vaters und mein eifrigstes Bestreben die Religion durch Schrift und That in den Gemüthern unserer Glaubensgenossen zu befestigen? Haben wir es nicht mit blutendem Herzen bejammert, daß die Genieinden im Königreiche Marokko durch die fortwährenden Scheinübungen in der fremden Religion allmählig in ihreni eigenen Bekenntnisse schwankend wurden? Mußten nicht die Besonneneren unter diesen Muthlosen und Schwankenden sich in den Riß stellen, die Verständigen die Führer der Verirrten werden? Wir priesen freilich den glücklich, wem es vergönnt war, durch Auswanderung die trügerische Makse von sich zu werfen, wir halfen und riethen dazu. Aber sind denn die Juden nur ein Wandervolk, zu welchen! ihre Feinde sie so gerne Herabdrücken möchten? Wären sie dies, so würden sie mit leichtem Herzen aus Gegenden, )vo man sie quält, in solche gehen, wo freiere und humanere Gesinnungen herrschen. Eine wandernde Horde zieht, wie die Schwalbe im Herbste mit frohem Muthe, aus rauhen in milderne, freundlichere Striche. Eine wandernde Horde kümmert sich wenig um die Cultur der Länder, welche sie zu ihrem Aufenthalte gewählt. Israel dagegen steht in allen Staaten, wo es wohnt, an der Spitze der Bildung und Wissenschaft. Was wäre Spanien ohne dieses betriebsame, geistigarbeitende Volk? Wenn die feindliche Bewegung dort bis zur völligen Vertreibung der besseren Kräfte fortschreiten sollte, dann müßte unfehlbar aus dem jetzt hochragenden Leuchtthurme der Bildung auf der »veiten, wüsten Flüche ringsumher eine trostlose, zerfallene Ruine, aus dem in allen Wissenszweigen blühenden Spanien eine Brutstätte religiöser Heuchelei, eine Freistätte hohlköpfiger Zeloten werden. Weil nun unsere Glaubensgenossen an dem Aufschwünge der Länder, welche sie schützen und nähren, einen sehr regen Antheil nehinen, weil sie allmählig mit tausend unsichtbaren Fäden mit denselben verwachsen, deshalb verlassen sie nur schwer die Scholle, wo die Spuren ihres Fleißes so tief eingegraben sind. Sie ertragen lieber Unbill und Schmach, unterwerfen sich den schmählichsten Demüthigungen und harren mit rührender Geduld und Standhaftigkeit einer mildern Wendung, einer besseren Zeit. Freilich gehört ein starker Geist dazu, stets zum Scheine die aufgezwungene Religion zu bekennen und doch der eigenen mit ganzem Herzen und mit ungetheilter Liebe ergeben zu bleiben. Der große Haufe hält solche Verstellung eine Weile aus, füllt aber bald wieder aus der Rolle. Eine große Anzahl unserer Brüder war schon nahe daran, ihr Heiligstes preiszugeben. Da sie das Land nicht verlassen konnten oder mochten, wollten sie die Religion verlassen, die sie nicht frei üben durften. Da war es gewiß keine Beschönigung der Mummerei, wie du, liebe Mutter, es genannt hast, sondern eine rettende That, als der gute Vater in seinem arabischen Ermahnungsschreiben den Genieinden den ganzen Ernst der Sachlage vor Augen führte und ihnen zu bedenken gab, daß der Herr nicht aus Zorn und Rache sondern nur, um die Sünder zn bessern und die Schwachglüubigen zu prüfen, so viel Leiden über uns verhängt habe. Sie dürften nicht verzweifeln, wenn ihre Schaar auch winzig und verachtet, die Bekenner Muhameds dagegen zahlreich wie Sand am Meere