Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1881)
- Date
- 1881-09-01
- Page
- Seite 212 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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212 Da schrieen sie zum Ewigen in der Noch: aus ihren Bedrängnissen rettet' er sie und führte sie auf ebenem Wege zu einem festen Wohnsitze. Danken müssen sie dem Ewigen um seine Gnade und seine Wunder, denn die lechzende Seele hat er gesättigt und die hungernde mit Gutem erfüllet. — Die in Finsterniß saßen und Todessch.itten, des Elends und des Eisens Gefangene, weil sie den Geboten Gottes zuwidergehandelt, den Rath des Höchsten verschmäht haben; und er beugte durch Unglück ihr Herz, sie stürzten, und Niemand half; da schrieen sie zum Ewigen in ihrer Noch: ans ihren Bedrängnissen rettet' er sie, führte sie aus Finsterniß und Todesschatten und zerriß ihre Bande. Danken müssen sie dem Ewigen um seine Gnade und seine Wunder; denn eherne Pforten zersprengt' er und eiserne Riegel brach er. — Thörichte Frevler litten durch ihren sündigen Wandel und ihre Vergehungen; alle Speise verschmäht' ihre Seele, und sie nahten den Pforten des Todes. Da schrieen sie zum Ewigen in ihrer Noch: aus ihren Bedrängnissen half er ihnen. Er sandte sein Wort uud theilte sie und entriß sie dem Tode. Danken müssen sie dem Ewigen um seine Gnade und seine Wunder und ihm opfern Opfer des Dankes und seine Thaten mit Jubel erzählen. — Die zur See auf Schiffe steigen, auf großen Wassern das Werk betreiben, sie gewahrten des Ewigen Macht und seine Wunder auf der Tiefe. Er sprach und ließ den Sturmwind erstehen, der seine Wellen emportrieb; sie schwollen zum Himinmel empor, sie sanken zum Abgrund: ihre Seele zerrann in Angst, sie schwindelten, taumelten Trunkenen gleich, und all' ihre Weisheit war erschöpft. Da schrieen sie zum Ewigen in ihrer Noch: aus ihren Bedrängnissen bracht' er sie. Er beschwichtigt den Sturm zum Säuseln, daß die Wellen schweigen. Sie freuen sich darob, und er fiihrt sie zum ersehnten Ziele. Danken müssen sie dem Ewigen um seine Gnade und seine Wunder, ihn preisen in öffentlicher Versammlung und im Rathe ihn rühmen. Er wandelt Ströme in festes Land und Wasserquellen läßt er versiegen....-" Aber der Himmel schien heute verschlossen zu sein und das Wimmern und Wehklagen nicht zu hören. Unter unaufhörlichen Schrecknissen und Gefahren harrten Alle des morgenden Tages; Keiner wagte, die müden Augen zu schließen. „Ich kann nicht glauben, daß der Herr unfern Untergang beschlossen hat. Warum hätte er uns denn rechtzeitig den Jbn-Moischa gesandt, der Moies gewarnt und zur Flucht uns förmlich getrieben hat? „Der Allmächtige", so beschwichtigte das zärtliche Mädchen die aufgeregte, oft ohnmächtig hinsinkende Mutter und bedekte mit Küssen und Thränen ihre Hand, „der Allmächtige wird bald den zürnenden Wogen befehlen und den wild sich blähenden Schwingen des Sturmes Halt gebieten. Er hat uns nicht auf dem Festlande gerettet, um uns auf der brandenden See dem Verderben preiszugeben und uns eine Beute des Abgrundes werden zu lassen. Seine Gnade wird uns auch hier nicht verlassen, wird uns über die furchtbaren Tiefen, über Klippen und Strömungen hinweg zum sicheren Hafen führen und das ersehnte Land uns erreichen lassen." „Amen!" stimmte Moses ein, „auch über den Fluten schwebt sein Geist. Er will uns heute nur mahnen, daß auch in unserm Innern oft böse Stürrne uud Leidenschaften toben; wir sollen sie zähinen und bändigen, unsere Seele mit fester Hand, wie der Steuermann sein Fahrzeug lenken und sie unversehrt durch Aufruhr und Leidenschaft hindurchführen. Wenn wir dem Tode glücklich entgehen, dann will ich, das gelobe ich fest und heilig, in meutern Hause den vierten Jjar, den Tag unserer Abfahrt, und diesen Tag, den zehnten Jjar zu Gedenktagen weihen, besonders den heutigen durch Beten, Fasten und Almosenspenden für alle Zeit meines Lebens heiligen."