Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1881)
- Date
- 1881-09-01
- Page
- Seite 209 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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209 äußerst günnstigen Verhältnissen lebte, so konnte er sich seinen Studien ungestört, ohne von drückenden Nahrungssorgen behelligt zu werden, hingeben. In Polen wurde er bald als eine rabbinische Autorität ersten Ranges verehrt. Selbst von seinem ehemaligen Lehrer R. Meir Katzeuellenbogen in Padua wurde er als erste talmudische Größe Polens anerkannt und gewürdigt. (Jsserls Resp. N. 9.) Sein Lehrhaus wurde von unzählichen wißbegierigen Schülern frequentirt, die mit gespanntester Aufmerksamkeit seinen Vorträgen lauschten. Trotz seiner asketischen Lebensweise und äußerst strengen Religiosität beschäftigte er sich dann doch in seinen Mußestunden niit philosophischen und astronomischen Studien*), worüber ihm R. Salomo Lurja bittere Vorwürfe machte. Jsserls entschuldigte sich damit, daß er die Philosophie nicht von den Griechen in ihrer Sprache gelernt, sondern aus den Schriften wahrhaft frommer und streng konservativer Juden. Sein Werk „Torath haola“ zeigt, daß er aus dem Gebiete der Philosophie heimisch war. Seine Anerkennungen zu Zacuta's Chronik (Jochasin) beweisen, daß er auch historischen Sinn hatte. Am meisten Anklang fanden bei seinen Zeitgenossen seine praktischen Ergänzungen “Hagaoth“ zu R. Joseph Caros Schulchan Aruch, die bis auf den heutigen Tag von allen konservativen Juden besonders berücksichtigt und gewürdigt werden. Wie durch hohe Gelehrsamkeit zeichnete er sich auch durch nachahmungswürdige Bescheidenheit, Anspruchslosigkeit, Herzensgüte, Seelenadel, Freigiebigkeit und Charakterfestigkeit vortheilhaft aus. Als R. Moses Jsserls am 33. Omertage des Jahres 1572 das Zeitliche gesegnet hatte, wurde sein Hinscheiden von der Krakauer Gemeinde wie von der Gesammtjudenheit, die in ihm einen ihrer würdigsten, edelsten und bedeutendsten Lehrer verloren hatte, aufs innigste betrauert und bedauert. Unter den unzähligen Schülern Jsserls ragte besonders hervor R. Jusua Falk Kohen in Lemberg, (gest. 1614.) dessen Commentar zum Choachen Miechpat „Sepher Meirat Enajim“ (Sema) genannt und zu dem Turim allgemeine Anerkennung gefunden hatte. Wie R. Moses Jsserls in Polen, wurde sein* Verwandter R. Meir Katzenellenbogen iu Italien als erste rabbinische Autorität hochgeschätzt und geehrt. Selbst" die entferntesten Gemeinden appellirten in den wichtigsten religiösen Fragen an ihn, was aus seinen Responsen zur Genüge entnommen werden kann. Trotz seiner strengen Orthodoxie war er tolerant und milde. Als Beleg hiefür möge hier folgendes Factum erwähnt werden. In Candia war es nämlich Usus, das die Haftarah zu Mincha des Versöhnungstages mit Ausnahme der ersten drei Verse, in griechischer Sprache und nicht im Urtexte gelesen wurde. Diesen Brauch wollte nun R. Eliä Kapsali obrogiren und richtete daher an R. Meir Katzenellenbogen in Padua die Frage, ob die Einführung dieses Brauches eine gesetzlich begründete sei oder nicht? R. Meir nahni diesen Brauch in Schutz und sagte: Allerdings erscheint dieser Usus höchst sonderbar, allein man muß sich alle Mühe geben, um ihn, gestützt auf irgend einen Anhaltspunkt, rechtfertigen zu können. (Resp. Meharam Padua 78). *) Moses Jsserls hatte nämlich einen recht gediegenen von nicht unbedeuterden Fachkenntniß zeugenden Commentar zu Frohbach's astronomischem Werke (Theorica) geschrieben.