Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1881)
- Date
- 1881-09-01
- Page
- Seite 208 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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208 Sohar berufen, keine Ahnung und keinen Begriff von demselben haben. Alle unsere Vorfahren haben gestützt ans Talmud und spätere Tensoren die Gebetriemen stets in stehender niemals aber in sitzender Weise angelegt. Glaube mir, daß selbst im Falle R. Simeon b. Jochai hier stünde und den in Rede stehenden Brauch uns zu octroiren beabsichtigen niöchte, wir ihn denn doch nicht beachten würden, da wir ohnedies ihm in den meisten Fällen keine Berücksichtigung schenken; denn müßten wir alle seine Aussprüche streng beobachten, so dürften wir unter keiner Bedingung beim Anlegen der Gebetriemen die üblichen Benedictionen sprechen, da dies nach seinen kabbalistischen mysteriösen Anschauungen strengstens verboten ist. — Ja noch mehr, seinen Principien zufolge ist jeder, der es wagt, am Halbfeste Gebetriemen anzulegen, ein Todsünder, und dessen ungeachtet legen alle Juden — die Chassidim ausgenommen — am Halbfeste die Gebietriemen an. Ich rathe dir, schließt Lurja sein diesbezügliches Gutachten, dich von diesen Frömmlern fern zu halten, damit dn dich weder mit ihnen noch mit ihrem Mysticismus befreundest; diese Leutchen geberden sich als Mystiker, denen allein die Pforten der Geheimnisse geöffnet sind, während die geoffenbarte, jedem Menschen in verständlicher Weise zugänglich gemachte Thora ihnen ein terra incognita ist. (Resp. des R. S. Lurja § 98.) Ein anderes Mal wurde Lurja wieder befragt, ob es einem Kopfleidenden gestattet werden kann unbedeckten Hauptes speisen zu dürfen? Für dieses Verbot, entgegnete Lurja, finde ich nirgends einen Anhaltspunkt. Im Midrasch rabbah 3. B. M. 27 heißt es wohl: Wenn irgend ein König eine Gesetzordnung in seinem Lande verkünden läßt, wie vernehmen die Unterthanen dieselbe? Stehend, entblößten Hauptes, mit Furcht, Angst und Zittern. Ter Allgütige aber spricht zu Israel: Leset das Schema, das meine Gesetzverordnung ist, aber ich verlange von Euch nicht, daß Ihr es stehend oder mit entblößtem Haupte thun müsset. Hieraus also folgt deutlich, daß unbedeckten Hauptes zu speisen oder zu beten keine Sünde sei; allein was soll ich thun, das Volk legt auf Lappalien immer mehr Gewicht als auf die wichtigsten Satzungen. iResp. des S. Lurja -72.) R. Salomo Lurjas tiefe talmudische Gelehrsamkeit fand selbst bei seinen Gegnern, die sich seiner rücksichtslosen Aeußerungen halber in ihrer Ehre und Würde gekränkt und verletzt fühlten, die gebührende Anerkennung. Ostrog in Wohlhynien, wo er sich erst in seinem vierzigsten Lebensjahre niederließ, war der Schauplatz seiner segensreichen Thätigkeit. Seine Responsen „Scbaalot uteschubot“ wie sein Commentar zum Talmud „Jamschel Scbelomo“ zeigen klar und deutlich, daß er das große unermeßliche Meer des Talmuds mit äußerst geschickter Hand zu durchsegeln im Stande war. Zu den berühmtesten Zeitgenossen Lurjas gehörte unstreitig R. Moses Jsserls in Krakau (geb. 1520, gest. 1572). Sein Vater R. Israel Jsserls, der als angesehener, kenntnißreicher und vermögender Mann das Vorsteheramt in der Krakauer Gemeinde bekleidete, war frühzeitig bemüht seinem reichbegabten Sohne, dessen Scharfsinn und bewunderungswürdige Auffassungskrast Sensation erregte, eine seinen Umständen angemessene Erziehung angedeihen zu lassen. Anfangs besuchte Moses, nachdem er in Krakau von gediegenen Fachmännern tüchtig vorbereitet wurde, die Hochschule des R. Meir Kahenellenboge» in Padua, mit dem er auch verwandt war. Später bezog er die berühmte' Talmudschule des R. Schalom Schachna in Lublin, dessen Schwiegersohn er geworden ist. Er stand fast noch im Jünglingsalter, als er in die Heimath zurückkehrte, wo er seiner immensen Gelehrsamkeit halber zum Rabbinatsrichter ernannt wurde. Da er in