Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1881)
- Date
- 1881-09-01
- Page
- Seite 206 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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206 übertragen worden, doch sei noch nicht der zehnte Theil den fremden Völkern erschlossen und in dieser Richtung sei noch viel zu thun. Deßhalb hauptsächlich sei das College gegründet worden, und um diese Literatur so Vielen als möglich zugänglich zu machen, stehe die Anstalt jedem ohne Unterschied offen. Die Juden sind weder eine Rasse noch eine Nation sondern einfach e i n e r e l i g i ö s e G e n o s s e n s ch a f t. Alle diejenigen Eigenheiten, die ihnen ankleben, können auf Thatsachen zurückgeführt werden, die diese Eigenheiten hervorbrachten. Wenn der Jude seine Religion wechselt, so verliert er diese charakteristischen Eigenheiten und nach einigen Generationen ist keine Spur mehr zu entdecken. Die Gründung des Colleges entspringt daher der Pflicht der Selbsterhaltung, um das Judenthum zu kräftigen und zu erhalten. Es ist in dieser Richtung in Amerika viel geleistet worden, und in der That haben die Juden in den letzten 40 Jahren mehr vollbracht, als irgend eine andere Religionspartei von gleicher Größe. Der Redner sprach sich dann über die Thätigkeit der Union hebräischer Gemeinden und des Boards der Gouverneure auf's Enthusiastischste ans und sagte weiter, daß ohne Rabbiner die jüdische Religion zu Grunde gehen müsse. Um aber Denjenigen, die Rabbiner werden wollen, eine akademische Bildung zu geben, die nothwendig sei, wenn der Rabbiner ein echter Volkslehrer sein will, sei dieses College gegründet und bestimmt worden, daß die Studenten zugleich auch die Hochschulen und dann die McMicken Universität besuchen müssen. Der Redner gab dann eine Geschichte der Entstehung des College und eine Darstellung dessen, was er unter einem erleuchteten Rabbiner, der dem Volke das Wort Gottes auslegen soll, versteht. Er müsse ein Gelehrter und eine Autorität in jüdischen Fragen sein und deßhalb die jüdische Literatur vollständig bemeistert haben. Er muß aber auch in den anderen Wissenschaften sattelfest sein, sonst werde ein einseitiger bigotter Mensch aus ihm. Der Redner erinnerte dann an die in alten Zeiten von den Juden errichteten Akademien, die sie heilig hielten wie den Tempel und an die Rabbiner-Seminare der Neuzeit, die segensreich wirkten, und gab seiner Freude Ausdruck, daß auch hier endlich ein derartiges Institut entstand, das die Juden hoffentlich so heilig halten werden, wie die Voreltern ihre Akademien, denn es sei das größte Werk, das die Juden in diesem Lande vollbracht haben. Nach dieser Rede sang der Mound Straßen Tempel-Chor „Etz Chajim,“ worauf Herr Thos. Vickers, der Rector der McMicken Universität, eine Rede hielt, die durch ihre stylistische Eleganz sowohl als auch durch ihren Gedankenreichthum und den oft eingestreuten gesunden Humor außerordentlich günstig wirkte. Herr Vickers sprach sein Vergnügen aus, dieser Feier als Repräsentant der Cincinnati Universität beiwohnen zu können, denn welchem Schulmanne würde es nicht unendliches Vergnügen gewähren, an der Eröffnung einer Anstalt theilzunehmen, die der Erziehung und den Wissenschaften geweiht ist. In der Wissenschaft gäbe es keine nationale oder religiöse Schranken, nichts sei cosmopolitischer als die Wissenschaft und die Forschung nach Kenntnissen und der Wahrheit. Die Hochschule, die heute eröffnet wird, ist ein organisirter Körper lebendigen Wissens, keine Maschine, die dem Schüler Kenntnisse eintrichtert, sondern eine lebende und lebenerweckende Organisation. Sie besteht aus zwei Elementen, aus Lehrern und Schülern, beide Lernende. Der Redner gab dann eine schwungvolle Charakteristik des Lehrers, der es mit seinem Berufe ernst