Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1881)
- Date
- 1881-08-01
- Page
- Seite 197 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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197 als großer Mann in Israel verehrt werden. Vielleicht ist uns der Tag seiner Geburt, der Rüsttag zum Passahfeste, ein Vorzeichen, daß er, ein zweiter Moses, sein Volk befreien und erlösen werde. Da stieg Moses, ein kräftiger Manu von gerader, imponirender Haltung, noch sinnend und nachdenklich die Treppen herauf, und alle Familienglieder schauten mit Verehrung auf ihn. „Guten Morgen, was seht ihr mich so seltsam an'?" fragte er. „Weil du," versetzte die Mutter, „trotz vielen Rufens nicht erscheinst und nicht einmal am ersten Tage unserer Wanderschaft dir Zeit nimmst, mit uns gemeinschaftlich den Morgenimbiß einzunehmen". „Verzeih," liebe Mutter, ich habe dein Rufen nicht gehört." Der hört nur auf seine Tanaiten und Amoräer," sagte nachdrucksvoll und mit schalkhaftem Humor die Schwester und erfaßte zärtlich kosend seine Hand, „er lebt in seinen Gedanken abwechselnd in Palästina, in den Städten Jamnia, Sepphoris, Tiberias, oder in Babylonien, in Nahardea, Sura, und Pumbadia, seine Mutter ist die Bibel, sein Vater der Talmud, seine Geschwister sind Mischna und Gemara; wie sollte er da noch Auge und Ohr für uns haben?" „ Wie gelehrt meine Schwester spricht! Wahrlich, solche Kenntnisse habe ich bei dir nicht vermuthet. Wenn du auch dafür Sinn und Interesse zeigst," fügte Moses freudestrahlend hinzu, dann werden wir keine Langeweile aus dem Schiffe empfinden." Drittes Capitel. ' Und wahrlich, die Familie Maimun empfand nie eine Langeweile, trotzdem Alles ringsumher sehr eintönig erschien. Das Meer war ruhig, und stundenlang saßen die Matrosen mit übereinander gespreitzten Armen unbeweglich, sonnten sich in den warmen Strahlen des Lenzes und blickten starr hinaus zu dem fernen Horizont. Die Denker und Freunde der Wissenschaft aber haben stets Kurzweil.. Der Vater, Moses und David Pflogeit häufig wissenschaftliche Gespräche mit einander; neben diesen beschäftigten Zukunftspläne, der künftige Unterhalt des Hauses, die Wahl des Ortes ihrer Niederlassung und die anzuknüpfenden Verbindungen, ihr Denken und Sinnen. Die Mutter zeigte sich auch hier als geschäftige Hausfrau, die keinen Schritt vergebens thut. Sie ordnete die mitgenomniene Habe, sorgte getreulich für die leiblichen Bedürfnisse aller ihrer Lieben, und die verständige Tochter unterstützte dabei die Mutter, oder, in ihrer immer heitern Laune überredete sie diesselbe, die dumpfen Wohnrüume zu verlassen, oben die frische Seeluft zu genießen und die Augen zu weiden an den schällmenden Wogen, in welchen sich blendend die Sonne spiegelte. So saßen sie einmal am äußersten Ende des Decks, die aufgeregten Wellen brausten und zischten, spritzten hinauf den schneeweißen Schaum und benetzten ihre Kleider; das Naturspiel ergötzte das Mädchen,-und es lachte hell auf. Das muntere Wesen störte jedoch die Mutter in einer üblen Laune. „Du scheinst gar nicht zu ahnen," schalt sie, „welche Sorgen unfern Geist Niederdrücken, und daß unsere ganze Lage unsicher und schwankend wie dieses Fahrzeug auf dem Meere ist. Dein Vater ist oft verdrießlich und niedergeschlagen, deinem Bruder David geht unser Schicksal mehr, als mir lieb ist, zu Gemüthe, Moses lebt in seiner idealen Welt und kümmert sich scheinbar wenig