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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1881-08-01 · Heft 8 (1.8.1881) · p. Seite 196

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
1 (1881)
Issue
Heft 8 (1.8.1881)
Date
1881-08-01
Page
Seite 196 (sequence 20)
Language
German
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196 begann eine eifrigere, an jene sich anlehnende Lehrthätigkeit. Dort in den Lehrhäusern zu Nahardea, Sura undPumbadita herrschte ein überaus reges Forschen, Untersuchen und Erörtern; und so erhob sich auf der Grundlage der Mischna ein neues, sehr weitläuftiges Gebäude, die Gemara. Die Lehrer der Gemara nannte man Amoräer, das heißt Ausleger der Mischna. Mischna und Gemara zusammen, später in zwölf starke Bände getheilt, heißt Talmud. Nach einer kurzen Pause, in welcher der Vater einige Bissen zu sich nahm, fuhr er fort: „Dein Bruder beabsichtigt nun später, den ganzen Talmud zu bearbeiten, dem lernbegierigen Jünger das Studium zu erleichtern und die Resultate aus dem Ganzen übersichtlich darzustellen, Zu einigen Traktaten hat er auch schon Erklärungen in arabischer Sprache geschrieben. Er will aber zuerst nur den Commentar zur Mischna fertig stellen^ weil sie doch der kurze Text ist, von welchem die weitläufige Gemara ausgeht. Indem unser fleißiger Moses diesen Text voranstellt und erklärt, kann er auch alle später darauf gebauten Entscheidungen kurz zusammenfassen und auf die wesentlichsten Resultate und Zusätze Hinweisen. In seinem ganzen Werke herrscht Klarheit und Ordnung. Er giebt Wort- und Sacherklärung ohne Abschweifung und Weitläufigkeit. Es ist die erste methodische Behandlung dieses spröden Stoffes, den man bislang einer systematischen und wissenschaftlichen Behandlung gar nicht für fähig gehalten hat. Besonders schön sind die lichtvollen Einleitungen, welche er sowohl dem ganzen Werke, als auch einzelnen schwierigen Abschnitten vorangehen läßt. Er zeigt darin zugleich, wie tief er auch in die profanen Wissenschaften, die Philosophie, Medicin, Mathematik, Physik, Astronomie und Anatomie eingedrungen ist. Mit größter Ausführlichkeit behandelt er die erhabene Sittenlehre des Judenthums; bei den Morallehren, besonders bei den sinnigen Sprüchen der Väter nahm er Gelegenheit, auf unsere sittlichen Grundsätze näher einzugehen. Es sind herrliche acht Abschnitte, in welchen er die Lehre von der Seele entwickelt, die Krankheiten derselben und die Heilmittel angiebt, das Ideal eines vollkommenen, seine Begierden beherrschenden Menschen aufstellt und das Verhältniß des freien menschlichen Willens zur Allwissenheit Gottes und Vorherbestimmung aller Dinge auseinandersetzt. Zwar ging er auch oft über die Grenzen des Erlaubten hinaus. Begeistert von den Ideen des Aristoteles und der arabischen Denker, meinte er, die jüdischen Grundsätze und Wahrheiten miißten jene überall widerspiegeln und mit ihnen zusammenstimmen, oder sich wenigstens denselben anpassen lassen. Weil dies aber bei den grundverschiedenen Weltanschauungen unmöglich war, zwang er oft in die Bibelverse einen falschen Sinn hinein. Ju dieser Täuschung, als müsse die Theologie wenn auch auf anderem Wege, doch schließlich überall zu denselben Ergebnissen gelangen, wie die Philosophie, versuchte er, ebenso wie man philosophische Grundwahrheiten annimmt, nicht ganz im Sinne unserer Religion, welche Lehr- und Denffreiheit gestattet, auch bestimmte 13 Glaubensformeln (Dogmen) aufzustellen, die jeder Israelit als wahr anerkennen müsse. Als Erinnerungspunkte für das religiöse Bewußtsein mögen sie wohl einen Werth haben, aber unsere Religion will nicht von Dogmen eingeschnürt und entwickelungsunfähig bleiben. Diese dreizehn Glaubensartikel, die nicht nur das Thun, sondern auch das Denken einschränken, und andere, wenn auch wohlgemeinte, so doch oft willkürliche Deutungen werden voraussichtlich einen heftigen Kampf der Gelehrten heraufbeschwören. Dennoch ist er ein klarer Kopf, ein Genie, er wird dereinst — Maimuni blickte dabei mit Befriedigung aus seine in stiller Entzückung lauschende Gattin —

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