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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1881-08-01 · Heft 8 (1.8.1881) · p. Seite 195

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
1 (1881)
Issue
Heft 8 (1.8.1881)
Date
1881-08-01
Page
Seite 195 (sequence 19)
Language
German
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195 zu sein; eine günstige Wendung hat alle Berhältnisse des europäischen Judenthums umgewaudelt. Die Wissenschaften haben einen ungeahnten Höhepunkt erreicht; es ist eine Blüthezeit der Poesie und Philosophie, der Astronomie, der hebräischen Grammatik und Sprachforschung. Gebe der Herr, daß die schwere Zeit, die nun über uns hereingebrochen, nur ein vorübergehender Frühlingsfrost sei ohne nachhaltige Schädigung für die herrlichen Blüthen und Knospen unserer Bildung." „Das ist doch leicht verständlich," sagte das Mädchen, „aber ich will dich nicht unterbrechen, lieber Vater, erzähle doch weiter." „In der ersten dieser drei Epochen herrschte zumeist das Gesetz Moses. Die dritte gehört zum großen Theil noch der Zukunft an, und wir hoffen, daß die begonnene, vielverheißende Entwickelung nicht plötzlich von rauher Hand durchschnitten iverden wird. Der zweite mehr als tausendjährige Zeitraum, der uns hier näher angeht, beschäftigt sich fast ausschließlich mit dem Ausbau des religiösen Lebens, mit der Feststellung der mündlich überlieferten Lehrsätze und der Anwendung derselben nach allen Richtungen und Verzweigungen des menschlichen Daseins. Man kann ihn auch die talmudische Zeit nennen, die Zeit der Entwickelung des mosaischen Gesetzes, welche von den Gelehrten unseres Volkes getragen und geleitet wurde. Diese haben sich zum Heile der Gesammtheit in Versammlungen eng aneinandergeschlossen, und ihre Autorität wurde allgemein anerkannt. Nach der Zerstörung des Tempels suchten nämlich unsere Ahnen Trost und Einheit in dem fleißigen Studium und Beobachten der überlieferten Lehren und Gebräuche. Das ideale Streben und die erhabene Gedankenwelt hat sie ihre Leiden und Verfolgungen vergessen lassen und sie davon bewahrt, daß sie nicht wie andere verfolgte und heimatlose Stämme im Elend untergegangen sind. Fast das ganze Volk arbeitete über zwanzig Geschlechter hindurch an dem Riesenwerke, Talmud genannt. Fast alle Stände, vom Fürsten bis zum Handwerker, nahmen an diesem Forschen und Grübeln, Fragen und Antworten, Ueberliefern und Erklären, Unterscheiden und Vergleichen den regsten Antheil. Jeder Einzelne fühlte sich als Dulder und Träger einer Lehre, durch welche die Völker allmählich zur Gotteserkenntniß und Gesittung herangebildet werden sollten, in jedeni Einzelnen lebte das hohe Bewußtsein von der Sendung des Volkes und der heiligen Aufgabe, die dadurch j e d e in Israeliten gestellt war. Daher wurden Lehrhäuser gegründet, zunächst in Judäa, zu Jamnia, Sepphoris und T iberias. Die Hochschule zu Jamnia, eine Stadt ungefähr eine halbe Stunde von der Küste des'Meeres entfernt, hatte der berühmte Rabbi Jochanan ben S a c e a i, ein Schüler Hillels, gestiftet. Er war nach der Zerstörung des zweiten Tempels der erste große Lehrer, der den Lechzenden den Born der Gotteslehre erschloß, sie daran labte und erquikte. Er hat auch den kräftigsten Anstoß zu all' den heilsamen Erläuterungen, Einrichtungen, Meinungen und mündlichen Ueberlieferungen gegeben, die dann ein späterer sehr angesehener Patriarch Rabbi Juda Hanasi sammelte und in einem aus sechs Theilen bestehenden Werke, Mischna, niederschrieb. Die Mischna oder die zweite, die mündliche Lehre neben der schriftlichen, eine Erweiterung und Erläuterung des mosaischen Gesetzes, ist daher eine Fundgrube aller mündlich überlieferten Bestimmungen und Lehrsätze, wie aller Einrichtungen der Tanaiten (Mischnalehrers von Saeeai bis Juda Hanasi. — Ähnliche Hochschulen erblühten auch bei den babylonischen Juden, welche von Exilsfürsten regiert wurden, etwa ein Jahrhundert nach Schlußredaktion der Mischna. In Mesopotamien und Babylonien 16*

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