Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1881)
- Date
- 1881-08-01
- Page
- Seite 194 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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194 geworden; da uns aber dort freie Religionsübung gestattet wird, wollen wir zuvörderst da unser Heil versuchen, wo unsere Voreltern so betriebsam und glücklich gelebt haben." „Ja, ja, guter Vater," fiel David freudestrahlend ein, „wo die Erzväter Abraham, Isaak uttö- Jakob und unsere frommen Stammütter Sarah, Rebekka, Rahel und Lea schlummern, da werden gewiß deren Kinder in Noth und Drangsal Erhörung finden; dahin war auch das Sehnen und Seufzen unseres großen Dichters Juda Halevy gerichtet. Wenn ich dessen herrlichen Zioniden las, wünschte ich immer an jenen heiligen Gräbern zu beten und mit eigenen Augen das gelobte Land zu schauen. Diese unnennbare Sehnsucht erfüllt noch heute mein Gemüth und Herz." Mittlerweile waren Mutter und Tochter aus der Kajüte auf das Verdeck heraufgestiegen, und die Familienglieder begrüßten sich auf das Herzlichste. Es war ein heiterer, warmer Frühlingsmorgen. Der Himmel wölbte sich klar und freundlich über ihnen, und die frohe Stimmung, welche unter sämmtlichen Mitreisenden herrschte, theilte sich auch ihren Herzen mit, glättete die Furchen auf ihren Stirnen und verscheuchte alle bangen Besorgnisse. „Laßt uns oben das Frühstück einnehmen," sagte die Mutter, „unten ist cs dumpf und eng, hier ist die Aussicht in die Ferne so bezaubernd, so wohlthuend, als dürfte man jeden Harm weit von sich werfen, jeden Kummer in die tiefen Fluten versenken. Wo bleibt aber Moses?" „Dieser brütet schon seit einer Stunde und mehr über seinem Buche," antwortete die Tochter, „er hört und sieht nichts und schreibt eifrig an seinem Mischna-Commentar. Wenn nur dieses Buch endlich fertig wäre! Seit er es in Angriff genommen, kann man kein vernünftiges Wort mit ihn« reden, und ich plaudere gern mit ihm, denn er erzählt sehr schön! Jetzt sitzt er wieder vertieft, daß ich kaum glaube, er wisse, daß er nicht in seinein Stübchen in Fez, sondern in einem schwebenden Bretterhause sich befinde. Wie kann map nur sieben Jahre lang über ein Buch schreiben und es nicht fertig stellen? Sei doch so gütig, liebster Vater, und erkläre mir, waruni es so viel Fleiß und Zeit in Anspruch nimmt, und was das eigentlich für ein Werk werden soll." Der Vater lächelte und sagte: „ Das begreift, mein Kind, ein Mädchen schwer." „Wie, mein Vater?" entgegnete rasch das grollende Mädchen, „glaubst du, ich werde es an Aufmerksamkeit fehlen lassen, oder die Tochter Maimuns wäre so einfältig und stutzte oder ermüdete bei jedem schwierigen Gegenstände?" „Run, wenn du durchaus einen Einblick in die geistige Werkstatt deines Bruders gewinnen willst, dann will ich, lueitit du mir Geduld versprichst, beim Frühstück es versuchen, dich mit den feinen Werkzeugen bekannt zu machen, mit welchen er arbeitet, und mit dem ungeheuren und ungelenken Stoffe, an dem er ohne Ruh und Rast glättet, formt und modelt, bis er mi§ der rauhen und spröden Materie klare und durchsichtige Gestatten, aus einem Chaos geordnete Bildungen geschaffen hat. — Zunächst mußt du über die Geschichtsperiöde orientirt werden, aus welcher er sein Material zur Bearbeitung holt. Wir können nach den verschiedenen Entwickelungsstadien unserer religiösen Genossenschaft die Geschichte der Juden in drei Perioden theileu. Die erste beginnt mit dem großen Gesetzgeber Moses und reicht bis zur babylonischen Gefangenschaft. Die ztveite vom Exil bis zum Aufblühen der jüdisch-spanische» Cultur. In der dritten leben wir jetzt. Seit etwa hundertfünfzig Jahren scheint für uns eine neue Zeit angebrochen