Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1881-08-01 · Heft 8 (1.8.1881) · p. Seite 190

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
1 (1881)
Issue
Heft 8 (1.8.1881)
Date
1881-08-01
Page
Seite 190 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2969669-2969670-2969679--0203-2970609
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

190 Urkräfte und der Logos. Die Annahme von Urkräften im Sinne Philos, nicht blos als Urideen, sondern auch als selbständig wirkende aus Gott ausgeströmte Urwesen, gleichsam Mittelgottheiten zwischen der Welt und Gott, welche die Welt geschaffen und sie leiten —, stieß ebenfalls bei den Volks- und Gesetzeslehrern auf entschiedenen Wiederspruch. Die Bibellehre von der Gotteseinheit war dadurch, wie wir schon oben bemerkt haben, untergraben, was einer Vernichtung derselben gleich kam. Die philonffche Annahme von Urkräften erhielt daher eine Modifikation, södaß sie mit der Lehre von der Gotteseinheit der Bibel nicht in Widerspruch stand. Aus den Urkräften wurden Urideen, durch Gott in Bezug auf die Weltschöpfung erst geschaffene Urbilder, Prototypen, Vorzeichnungen, Gesetze und Bedingungen, nach denen die Welten und Wesen geschaffen wurden. Eine alte Boraitha hat darüber: „Sieben Gegenstände wurden vor der Schöpfung der Welten geschaffen: die Thora (das Gesetz), die Buße, das Paradies, die Hölle lbeide als Ausdrücke der Vergeltung), der Tempel, td. h. die Gottesverehrung), der Gottesthron (Bezeichnung der Weltregierung Gottes), und der Name des Messias (Messiasidee). In schon bedächtiger Form wird diese Lehre von R. Tanchuma in, 4. Jahrh. n. Chr. mitgetheilt, wo nur die ersten zwei: die Thora und der Gottesthron (das Gesetz und die göttliche Vorsehung) als wirklich geschaffen genannt werden, aber die andern nur in der Idee, sie zu schaffen waren d. h. ihre Schöpfimg wurde beschlossen. Man sieht in diesen Aussprüchen Midi-, rabba (1. M. Alisch, 1) schon eine Umdeutung der im Texte gebrachten alten Lehre, was eine Ankämpfung und Mißdeutung derselben voraussetzt. Deutlicher wird diese Lehre im 2. Jahrh. n. Chr. von dem Lehrer R. Levi vorgetragen: Ein Baumeister bedarf zur Aufführung eines Baues sechs Gegenstände: Wasser, Lehm, Holz, Steine, Rohr und Eisen; so wurde die Thora sechs mal als vor und zur Schöpfung geschaffen, erwähnt. Noch im 3. Jahrh. n. Chr. wird diese Lehre von dem berühmten Agadisten R, Josua ben Levi wiederholt, ein Beweis deren Wichtigkeit. Eine völlige Umarbeitlmg erhielt dieselbe im 4. Jahrh. n. Chr. von denk Volkslehrer R. Hosea I. Er lehrte: „Die Thora spricht: „Ich war das Werkzeug bei der Weltschöpfung. Wie der Baumeister einen Palast nur nach einem entworfenen Plane baut, so schaute Gott in die Thora und schuf die Welt." Deutlicher als hier ist diese Umwandlung der Lehre vou den Urkräften in die von den Urideen in obigen Sinne in einem Ausspruche von dem Lehrer Rabh im;5. Jahrh. n. Chr. Derselbe lautete: „Durch zehn Worte, Logoi, wurde die Welt geschaffen: durch Weisheit, Einsicht und Erkenntuiß, Macht, Strenge, Gerechtigkeit und Recht, Liebe und Erbarmen. Erst in der Kabbala finden wir die philonischen Urkräfte als aus Gott emanirte selbständig wirkende Gottwesen, unter dem Namen „Sephiroth" wieder. Die Aufgabe, die sich die Volks- und Gesetzeslehrer in dieser umgestalteten Wiedergabe der philonischen oder alexandrinischen Philosopheme gestellt hatten, war die Ausscheidung alles Heidnischen aus denselben, sie nur soweit zuzulasien, so weit sie nicht mit den Lehren in der Bibel in Widerspruch stehen. Doch läßt es sich nicht in Abrede stellen, daß dennoch viele Aussprüche im Schriftthume des Talmud und Midrasch neben her laufen, die von diesem Gesetze abweichen und die alexandriuischen Philosopheine vou den Logoi oder Urkräften unverändert wiedergeben. Wir haben in uni'erer Real-Eneyclopadie in dem Artikel „Geheimlehre" nachgewiesen, daß derartige Lehren zu denen der nichtrevidirten Geheimlehre gehörten, die zwar ausgeschiedeu wurden, aber sich dennoch unter den Juden in Palästina und Babylonien erhalten hatten. Wir nennen z. B. die von der Emanation

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.