Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1881)
- Date
- 1881-08-01
- Page
- Seite 179 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2969670-2969679--0192-2970598- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
179 Die griechische Prosa beherrschte Bernays wie vielleicht kein Zweiter und darum sind auch seine Textesänderungen nicht als vage Hypothesen anzusehen, sondern als aus Beherrschung des Ganzen hervorgehende Resultate. Wo Andere suchten ohne zu finden, fand er ohne zu suchen. Seine Leistungen speciell auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft sind unbedeutend. Er hatte die jüdischalexandrinische Zeit genau gekannt und zu dem aus seiner ersten Jugend stammenden geringen talmudischen Wissen hat er sich später eine gründliche Kenntniß der patriotischen Literatur angeeignet und war wohlbewandert in der Exegese des alten und neuen Testamentes. Von Philosophen aus letzter Zeit schätzte er am meisten Spinoza und doch war er, ein Widerspruch in sich selbst, wie er in den vierziger Jahren bei vielen jüd. Gelehrten nicht selten anzutreffen war, weil auch ihm die historische Entwicklung des Judenthums und die Entwicklung seines Lehr und Gedankeninhalts fremd war, nicht ini Stande, sich vom Althergebrachten loszutrennen und an deni geistigen Aufschwung und an der Verjüngung des Judenthums thätigen Antheil zu nehmeil. Vielleicht hat dazu auch die kampfvolle Stellung seines Vaters gegenüber dein Hamburger Tempelverein mit beigetragen, die in seiner Seele manchen bitteren Stachel zurückgelassen, und seine Wirksamkeit an einer jüdisch-theologischen Anstalt, in der später viele Schiller ihre sonst sehr verdienten Lehrer im Conservativscheinen noch vielfach überboten haben, wenn sic auch in literarischer Thätigkeit und Wirksamkeit gar lveit hinter ihnen zurückgeblieben sind. Als Mensch war Bernays durch und durch ein Original, ein Sonderling, ja fast ein Einsiedler. Er war iveltscheu, naiv und lebte fern vom Getriebe der Tagesereignisse in seiner Bücherwelt. Hier fühlte er sich heimisch, während die Welt ihm stets eine unheimliche Fremde geblieben ist. Er schien durch die Art seiner geistigen Thätigkeit mit Land und Leuten in Griechenland mehr vertraut als mit den Menschen und Straßen in Breslau, woselbst er täglich einsam auf der Karlsstraße sein Mittagsmahl einnahm, die Pausen der Gänge sich durch gelehrte Monologe würzend. Bezeichnend für ihn ist, daß, als eine schwarze Katze während seiner Vorlesung in Sicht war, er aus Aengstlichkeit dieselbe unterbrach mit den unter seinen Schülern bekannten Worten „Was ist das für ein Thier?" Erst als die Katze, ihres freien Willens beraubt, einen Platz außer dem Gesichtskreise Bernays eingenommen, faßte sich der Professor und las weiter. Bernays war unverheirathet und vielleicht hätte eine passende Frau manche Ecken und Kanten an seinem Wesen beseitigen können, was das Leben mit all' seinen Vorkommnissen nicht iin Stande war. Es war sein Lieblingswunsch, in der Vollkraft seines Lebens zu sterben, um der Gebrechlichkeit und denr Siechthume, den gewöhnlichen Begleitern des Alters, zu entgehen. Dieser sein Wunsch ist erfüllt. Am 26. Mai starb er zu Bonn und am Freitag den 27. Mai Nachmittags 5 Uhr fand sein Leichenbegängniß von seiner Wohnung Franciskanerstraße 6 aus statt. War auch Bernays, weil er seine Lorbeeren mehr außerhalb des Judenthums verdient und gefunden hat und nicht innerhalb derselben, nicht der Mann, der vermöge seines umfassenden Wissens auf dem Gebiete der jüdischen Literatur und vermöge seiner richtigen Auffassung des Judenthums und seiner Mission hier seinen Platz unter den Ersten und Tüchtigsten in Israel einnimmt, so wird sein Name doch stets in Ehren genannt werden. Friede seiner Asche! 15*