Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1881)
- Date
- 1881-07-01
- Page
- Seite 173 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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173 Zweites (Tapitfl. Einige Tage nach dieser Unterredung zogen in nächtlicher Stille fünf Personen mit betrübten Gesichtern und aufgeregten Geniüthern aus der Stadt Fez, um so rasch als möglich die nächste Hafenstadt zu erreichen. Still imd schweigsam zogen sie dahin. Niemand wagte ein längeres Gespräch anznregen oder einen berührten Gedanken bis zu Ende auszuspinnen; sie wollten verhüten, noch mehr einander aufzuregen, durch ein Wort oder den Klang ihrer Stimme die innere Unruhe und den brennenden Schmerz zn verrathen. Der Mond brach allmählich aus den dunklen Wolken hervor und goß sein blasses Licht auf die lautlos Wandernden. Nur ihre Herzen schlugen laut und um so stärker, als sie jetzt bei dem matten Schein einander ins Antlitz zn schauen und darauf die ganze Trostlosigkeit ihrer Gemüther zu lesen vermochten. Uni die beklommene Stimmung endlich zn bemeistern, brach der älteste unter ihnen, das Oberhaupt dieser 'wandernden Familie, das gespensterhaste Schweigen und begann in scheinbar ruhigem Tone: „Ich kann Gott nicht genug danken, daß er damals, als wir unser geliebtes Cordova verlassen mußten, den Gedanken nach einer solchen Gegend ausznwanderu mir eingegeben hatte, von wo aus zu Schiffe leicht ein Land erreicht werden kann, welches uns freie Religionsübung gestattet. Freilich wird es uns schwer werden, uns anderswo heimisch zu fühlen; dem spanischen Israeliten ist das Vaterland lieb und theuer, wir waren darin so betriebsam und glücklich, daß unsere Verbannung einen herrlich blühenden und fruchtbaren Baum entwurzeln heißt. Wir können nirgends recht froh werden und fühlen uns überall auf fremder Erde, besonders in den Ländern, welche keine warme Pflegestätten der edlen arabischen Bildung sind; denn der Jude wendet sich naturgemäß dem Lichte der Wissenschaft und Aufklärung zu, wie die Blume ihr Haupt der Sonne zuneigt. Er glaubt durch die Förderung der Cultur die Blüten der Gerechtigkeit und Menschenliebe zu entfalten; obgleich wir leider auch die Erfahrung machen mußten, daß selbst Bildung nicht immer vor Unduldsamkeit schützt." „Dein Wort, lieber Vater," versetzte der jüngere von den beiden Söhnen, „daß wir uns, aus Spanien vertrieben, überall auf fremdem Boden fühlen, hat mir plötzlich das Bild unserer gefangenen Vorfahren vor die Seele gezaubert, wie sie aus ihrem heiligen Boden gerissen und nach Babylon geführt wurden. Der Psalm will mir nicht aus dem Sinn: An den Strönien Babylons saßen wir und weinten, da Fions wir gedachten, an die Weiden hängten wir unsere Harfen. Wie sollten wir das Lied des Herrn singen auf fremder Erde? — Wir glaubten schon jene Harfe von den trauernden Weiden abnehmen und dem Gotte Israels darob Freudenklänge anstimmen zu dürfen, daß er uns eine neue, sonnige und vornrtheilsfreie Heimat gegeben; wir hingen mit allen Fasern unseres Herzens an unserem theuren Spanien, seitdem es ein Volk besitzt, welches die Fahne der Cultur und Wissenschaft darin aufgepflanzt und die gothische Barbarei und Rohheit daraus verscheucht hat. Dieses Volk, aus unserenl Stamme hervorgewachsen, uns ähnlich in Sprache, Sitten und Gewohnheiten, das wie ein gewaltiger Strom aus unserer Urheimat Arabien sich ergoß, über die Länder der alten Perser und Griechen sich verbreitete und auf seinem siegreichen Marsche nicht nur die materiellen Reichthümer, sondern vermöge seiner hohen, geistigen und poetischen Begabung auch alle wissenschaftliche Schätze der Besiegten sich aneignete, dieses Volk schien uns der rettende Himmelsbote zu sein, von Gott ge-