Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1881)
- Date
- 1881-07-01
- Page
- Seite 170 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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170 Hahlen das Gehör beleidigen; während ein angenehmer Wohlklang entsteht, wenn die Reihe der Töne auseinandergerissen, daß das Gehör die Gegensätze erfaßt? Gegen die Theorie des Oktavius, daß die musikalische Harmonie eine Vermischung und Verschmelzung der Töne, ein gänzliches Aufgehen in einander, ein Abstreifen der Sonderart jeder einzelnen Stimme, erfordere: wird auf die Thatsache hingewiesen, daß der Gesang der Vögel bei aller Absonderung nnd Erkennbarkeit der einzelnen Töne, jedes Ohr ergötzt; daß in der Malerei der Reiz der Farben in deren Mannigfaltigkeit, nicht in deren Vermischung und Auflösung ruht. So in der Musik giebt eine tiefe und eine hohe Stimine eine Oktave und durch Anfügung einer mittleren entsteht der angenehme Akkord einer Oktav und Quinte. So will denn auch Gott, der allmächtige und weise Schöpfer, von seinen Menschen einen tausendstimmigen Lobgesang der extremsten Töne, Ueberzeugungen und Bekenntnisse. Nicht das anmuthsbare Unisono, nicht der ärmliche einstimmige Gesang, noch weniger der barbarische Kampf der Töne, sondern die harmonische Gliederung und Vereinigung der mannigfachsten und extremsten Stimmen ist würdig zum Preise des Herrn. Die Kunstgebilde der schassenden Phantasie des Malers: eine einzige Farbe, und wäre sie vermengt und vermischt mit vielen andern, hätte ihnen Form und Gestaltung nimmerniehr gegeben. Ihr frommen Kämpfer für Glaübenseinheit, die Ihr die weite, reiche Welt des Geistes nach einem einzigen und winzigen, theologischen Schema wollet modeln und gestalten, den mannigfaltigsten nnd unerschöpflichen Reichthum der Seele in das enge und engherzige Gewand einer kirchlichen Dogmatik gewaltsam zwängen: Ihr mißkennt den weisen Gedanken der Vorsehung, Ihr rüttelt gottlos an dem göttlichen Weltenplan. Zu dieser lichten Höhe der Gesinnung haben Salomo bar Cassus und Diego Toralba ihre Freunde hinangeleitet. Am Ende des Dialoges stimmen auch die christlichen Redner einen Wettgesang an zum Preise der Toleranz. Curtius erinnert an das Edikt des Kaisers Joviauus, von ihm Henotikon genannt, worin er die Heiden, Christen, Arianer, Juden, sowie zweihundert andere Sekten zur Eintracht, die öffentlichen Redner vor allem zur Mäßigung und Bescheidenheit ermahnt, daß sie nicht durch aufrührerische Predigten das Volk in Unruhe stürzen, sondern zur Frömmigkeit, Gerechtigkeit und gegenseitiger Liebedaneifern. Roch einmal, als Zeichen, daß die Glaubenstreue und die Anhänglichkeit am Bekenntniß durch die gewonnene humane Anschauung nicht im mindesten geschwächt worden, das; die Toleranz der wahrhaften Religiosität nach keiner Seite Abbruch thnt, resnmirt jeder der Redner die Hauptgedanken nnd Grnndmomeiite seines Bekenntnisses, aber mit dem feierlichen Gelöbnis am Schlüsse, in einen religiösen Disput von nun nicht mehr einznwilligen, ihre Frömmigkeit nur durch friedfertiges Zusammenleben in Heiligkeit des Wandels, durch gemeinschaftliche Studien nnd gegenseitige Belehrung an den Tag zu legen. Mit jubelnder Seele stimmen sie nnu Alle das Triuinphlied an des hebräischen Sängers zum Preise der Eintracht: „Wie schön und wie lieblich tvenn Brüder einträchtig beisammenwohnen, dort hat der Herr den Segen befohlen, ewiges Leben." Sv malte Jean Bodin mit denselben glänzenden Farben wie nachmals der Dichter der Toleranz M, die erleuchtete Zukunft, den großen Tag der ') Der Bortrag wurde zur Criuueruugsseier vou LessiugS ltXljährigem Todestag im Verein Afike Jphudu zu Prag gehalten