Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1881)
- Date
- 1881-07-01
- Page
- Seite 169 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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169 lichste Verbrechen; die Lehren von den Feuerstrafen und Höllenqualen waren zum Hauptdogma geworden, der Geist Europas war thätig sie zu illustriren, alle Kultur, alle Malerei, alle Beredsamkeit concentrirte sich auf das schreckliche Thema; durch die Feder Dantes, den Pinsel Organgnes, die Gemälde jeder Kirche, die Predigten jeder Kanzel ging der sinnverwirrende Schrecken. Man begreift was das heißen soll, daß Bodin als der Erste durch den Mund Salomos den erlösenden Gedanken ausspricht, daß die reine Gesinnung des irrenden Menschen Gott nicht minder wohlgefällig aufnimmt, als die des erleuchteten. Der Lutheraner Friederich beruft sich auf Lucas 12, 48, daß der religiöse Jrrthum ein gottloses Verbrechen, dem schwere Himmelsstrafen angedroht werden. Auch der Reformirte Curtius wehrt sich mit aller Entschiedenheit aus dem Innersten seines religiösen Bewußtseins gegen diese weitherzige Toleranztheorie des Salomo bar Cassus. „Wie kann man," so fragt er, „in Bezug auf Religion von Jrrthum reden, da das Evangelium auf den ganzen Erdrund verbreitet vor aller Augen offen darliegt?" Darin spricht sich die echt arische, man darf sagen, neutestamentliche Subjektivität mit einer unnachahmlichen Feinheit aus. Der Gedanke, daß das, was er in den heiligen Urkunden und Offenbarungsschriften des Christenthums zu verehren gelernt hat, auf ein Auge, das dazu nicht pädagogisch vorbereitet, ohne Wirkung ist, scheint Curtius völlig fremd. Alle Voraussetzungen und Erfahrungen seines Ich, übertrügt er ohne Weiteres auf das Du. Die elementare Verschiedenheit dieser beiden Erscheinungen muß ihm erst zu Bewußtsein geführt werden. „Stehen nicht Gesetze den Gesetzen gegenüber? streiten nicht Priester wider Priester? Religion gegen Religion? hadert nicht Sekte mit Sekte? Wer soll prüfen, richten, urtheilen, die Wahrheit sicher stellen?" Der religiöse Jrrthum: wer wüßte sich frei von ihm? wer könnte sich überheben und sagen, die Wahrheit ist mir zu eigen, mich hat Gott erleuchtet? In Demuth müssen wir unablässig die Hände falten, den Herrn anflehen, daß er uns leite den Weg des Heils, gereinigt von allen Dornen, allem Unkraut des Jrrthums. So hat Moses, der mehr als alle Sterblichen des göttlichen Gesetzes, das er selber der Welt verkündet hat, sicher war, gebetet: „Zeige^ uns deine Wege, daß wir dich erkennen." So hat der königliche Sänger zum Herrn inbrünstig gefleht: „Oeffne mir die Augen, daß ich schaue die Wunder des Gesetzes." Wenn solche Männer also beten mußten, wie sollten andere, die in den Niederungen des Lebens stehen, bei der großen Mannigfaltigkeit abweichender Meinungen, den stolzen, übermüthigen Gedanken hegen: der Geist des Herrn hat sich über mich ergossen, mir allein ist das geworden, was den Brüdern fehlt! Die Tendenz des vielverleumdeten und arg gefürchteten Heptaplomeres, der Grundgedanke des Buches, die Idee, welcher es dient, kann nicht klarer präcisirt werden als durch die einleitenden Bemerkungen seines vierten Kapitel. Die Freunde unterhalten sich über einen scheinbar ganz fern liegenden Gegenstand: das Problem der musikalischen Harmonie, in seiner primitivsten Form. Woher rührt die geheimnißvolle Anmuth, welche der Vereinigung verschiedener zusammenhangsloser Stimmen iunewohnt, wie der hohen und feinen mit der tiefen und starken, jene angenehme Consonanz der Composition von Oktaven, Quinten, Terzen und Quarten, trotz der inneren Gegensätzlichkeit der einzelnen Töne zu einander? Worin liegt es, daß die einstimmigen vollen Gesänge, in denen nichts Entgegengesetztes empfunden wird, dem gebildeten Ohr unerträglich, daß ferner die Noten kontinuirlicher, in gleichmäßiger Progression aufeinander folgender 14