Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1881)
- Date
- 1881-07-01
- Page
- Seite 168 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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168 gebung. Israel war gerecht, nicht allein gegen Stammes- und Glaubensbrüder, sondern auch gegen Fremde; seine Religion schreibt ihm vor Ein Recht und Ein Gesetz für Einheimische und Fremdlinge. (S. 195). Israel war human und liebevoll, der erste Träger der religiösen Duldung. Die Hebräer, sagte Salomo, haben zur Zeit ihrer Macht auf die in ihrer Mitte lebenden heidnischen Völker einen Religionszwang niemals geübt; König David hat eine große Anzahl Völker sich unterworfen und zinsbar gemacht, ihrer Tempel und ihres Cnltus hat er immer geschont; sie konnten ungestört bei den ihnen liebgewordenen Formen der Gottesverehrung bleiben. (Cap. 6. Ende). Es war ein genialer Gedanke Bodin's, die Toleranz nach ihren verschiedenen Ursachen und letzten Gründen durch verschiedene Personen, scharf charakterisirt und portraitirt nach ihren verschiedensten Nüancen, plastisch darzustellen. Bodin zeigte sich hierin' als feiner Psychologe und Menschenkenner. Wir sehen die Toleranz auf ihrer niederen Stufe als religiöse Indifferenz, vertreten durch den Skeptiker Senanius; wir sehen sie als Gebot der Staatsraison, der politischen Klugheit und Staatsnothwendigkeit, vertheidigt von Oktavius, dem Mohamedaner; endlich lehrt sie erkennen und erfassen der Supernaturalist Diego Toralba als Gebot der Vernunft und der Philosophie. Salomo bar Cassus vertritt die Toleranz wiederum in einem eigenartigen, besonder«, ich mochte sagen, in ihrem jüdischen Urgrund: als Pflicht des Gewissens, als Vorbedingung jeder Frömmigkeit, als Gottes Gebot — die Toleranz aus Religion. Diego Torälba erklärt den Religionszwaug als unsinnig, denkwidrig, unlogisch; Salomo bar Cassus nennt ihn — gottlos. „Welch schwerere Schmach kann' gegen Gott erdacht werden, als zu glauben, ihm sei es angenehm, wenn zu seinem Gehorsam gezwungen würde? Ein frevelhafter Gedanke ist es, daß er von Menschen wider Wollen und Ueberzeugung verehrt zu werden wünscht." Die durch äußere Machtmittel oder zeitliche und weltliche Belohnung erzwungene Gottesverehrung ist Gotteslästerung, ist ein Mißbrauch des göttlichen Namens. Die Toleranz des Salomo bar Cassus erstreckt sich selbst auf das Heidenthum; sie wäre keine Toleranz, wenn sie nicht jede religiöse Ueberzeugung unter ihren Schutz nehnien würde. Er erkennt den Heiden Anspruch und Anrecht auf göttliche Belohnung und Seligkeit im Hinnnelreich wegen ihres frommen Sinnes, ihres reinen Herzens und Glaubens zu: es ist die Toleranz in ihrer weitesten Ausdehnung ivie sie der rabbinische Geist entwickelt hat. Verehren sie auch Sonne, Mond und Gestirne, weil sie von ihren Priestern falsch sind unterrichtet worden, so tritt dabei immerhin unzweifelhaft ihr Wille zu Tage, den Schöpfer des Alls aus dehmüthigem Herzen und niit reinem Gewissen anzubeten: die fromme Gesinnung aber, den guten Willen nimmt Gott als vollendete That an, sagt Salomo in wörtlicher Uebereinstiinmung mit den Rabbinen. Die Heiden, fügt er hinzu, können in der Tugend und in der'Sittlichkeit eine hohe vollkomniene Stufe erklimmen. Dogma und Ethik, Bekenntniß und Sittlichkeit sind also nach Salomo nicht unlöslich mit einander verbunden, und er beruft sich auf die heiligen Schriften der Hebräer. Den Propheten Jona hat Gott nach Ninive gesandt, nicht die Religion zu verbreiten, nicht die Bewohner dem Sternen- und Bilderkultus abwendig zu machen, sondern in die Bahnen der Sittlichkeit und Tugend, welche sie verlassen hatten, zurückzuleiten; als sie das Laster von sich gegeben, hat sie Gott gnadenvoll wieder ausgenommen, ohngeachtet, daß sie nach wie vor den Cultus des Sonnengottes Beal beibehielten. Der religiöse Jrrthum galt das ganze Mittelalter hindurch als das scheuß-