Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1881)
- Date
- 1881-07-01
- Page
- Seite 166 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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166 (S. 186). Männer von höchstem Scharfsinn und ausgedehntem Wissen, waren oft so eingesponnen und eingeengt in eine ungöttliche Denkweise, daß sie sich über das niedere Heidentum nicht erheben konnten. So haben viele Geschlechter das Naturgesetz verunstaltet, durchbrochen und zerstört, bis dem Schöpfer in seiner Barmherzigkeit es gefallen hat, es zu erneuen, mit Ceremonien zu umgeben als Schutz und Zaun, daß die Natur fürderhin nicht verletzt werde. Für die heilige Majestät der Naturgesetze ist der Vater der Natur mit seiner mächtigen Stimme am Sinai eingetreten. Was ist der Inhalt des ganzen Gesetzes, der Grundsäule der gesammten Religion? „Gott lieben mehr als sich selbst, den Bruder wie sich selbst." (Cap. 6 Ende). Gottesliebe, Menschen- und Nächstenliebe ist das Allerheiligste, der große Hauptsatz der Schrift, der Mittelpunkt und Gipfel der Religion, ihre geistige Sonne, von der alle übrigen -Gebote und Vorschriften, Ceremonien und Gebräuche ihr Licht und ihren Glanz, ihren Inhalt und ihre Weihe, ihren Sinn und ihre Bestimmung erlangen. Die große Lehre der Nächstenliebe hat Israel zuerst in seiner ganzen Reinheit erfasst und zum vollen Ausdruck gebracht. Eine Fälschung sei es von Lukas (Matthäus), eine Verdrehung des göttlichen Gesetzes, wenn er den Alten den Satz unterschiebt: „Liebe deinen Nächsten und hasse deinen Feind." Wo bei allen Profeten sei ein solcher Satz aufzufindcn? Was wir finden, ist das Gebot: „Hasse deinen Bruder nicht im Herzen, schilt ihn offen, auf daß du keine Sünde trägst." (Lev. 9, 4) Die Rache ist Gottes, sagt Jeremias (50, 15) „Erinnere dich nie des Unbills und räche dich nicht selber." „Wo hätte ich mich je gefreut, beteuert Hiob, über das Unglück meines Feindes, gejubelt, wenn Leid ihn getroffen. (31, 29). Nur dort, wo patriotische Empfindungen, vaterländische Pflichten, eine der Nation, dem Gesammtvolke zugefügte Schmach zu tilgen heischten, da flehen die Profeten und Psalmisten um göttlichen Beistand wider die Feinde. Es ist eine arge Verdrehung, wenn man die patriotische Beklemmnis mit einem persönlichen Rache-Verlangen verwechselt. — Mit der Begeisterung eines Juda ha Levy preist Salomo die hohe Bedeutung des jüdischen Stammes und seine höhere göttliche Mission für die Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Wenn er von dem tausendjährigen jüdischen Martyrium redet, vor dem der Heroismus aller anderen Glaubensvertheidiger wie nichts verblaßt, dem beispiellosen Heldenmut, welcher den unendlichen Leiden die Stirn bot, die ein wilder Fanatismus nur erdenken konnte, — nimmt seine Sprache einen lyrischen Schwung an, sie erhebt sich bis zur poetischen Gewalt, er redet mit den Worten der hebräischen Profeten und aus seinem Munde ergießt sich ein Strom von Begeisterung, dessen Gewalt selbst die Gegner gefangen nimmt und zu der Anerkennung des Dichters hinreißt: „Das besiegte Judäa hat den wilden Sieger besiegt." Er spricht von der leideusreichen Vergangenheit jedoch ohne den leisesten Anflug von Erbitterung, ohne jede Andeutung des geringsten Racheverlangens; er ergeht sich auch nicht in weichlichen, krankhaften, weltschinerzlichen Klagen über das harte Geschick. Kein bitteres Wort entfällt ihm über die Priester und Geistlichen, die unstetigen Anstifter der meisten Metzeleien, kein Vorwurf über die Institution, die solche Ausschreitungen nicht nur nicht verhinderte, sondern durch ihre Diener begünstigte; aus seinen Worten spricht die Ruhe eines Weltweisen, die nüchterne Objektivität eines Geschichtsphilosophen, er ist der treuste Ausdruck der Nüchternheit, der ruhigen Vernunft, welche den Juden selbst an den Stufen des geschichteten Holzstoßes keinen Moment verließ.