Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1881)
- Date
- 1881-07-01
- Page
- Seite 162 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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162 In Eisenmengers „entdecktem Judenthum," bekanntlich vom Jahre 1711 an bis auf unseren Tag, die — wenn auch nicht inimer unmittelbare - Quelle alles Judenhasses, der Anspruch auf Gelehrsamkeit erheben inöchtc, wird des Satzes „Kol ckisrael u. s. w." nebst einigen agadistischen und kabbalistischen Gleichnissen für die jüdische Solidarität zweimal gedacht,') in einer nicht unglimpflichen Weise. Ueberhaupt schien es erst den jndenfeindlichen Tagesliteraten unserer Zeit Vorbehalten geblieben zu sein, den Satz, der ihnen durch die Berichte der Alliance Jsr. Un. erst bekannt geworden, als das Losungswort der „goldenen Internationale" zu deuunciren. Es darf nicht dabei übersehen werden, daß sie denselben Satz, den die Alliance durch: „Alle Israeliten sind für einander verantwortlich" übersetzt, durch: „Alle für Einen und Einer für Alle" wiedergeben, um ihm ein besondres heroisches Gepräge zu verleihen und die, welche seiner zu Culturzwecken sich bedienen, zu Kämpfern und Rufern im Streite zu stempeln. In literarischer Hinsicht also hatten Begriff und Wort „Solidarität" den Juden bis auf die jüngste Gegenwart sich nur wenig unangenehm fühlbar gemacht; aber desto mehr in der Wirklichkeit, in den sogenannten Judenrechten, die man füglicher Judennnrechte hätte nennen mögen, und im Leben der Gesellschaft. Die Voraussetzung der jüdischen Solidarität hatte ein festgefugtes, schwer zu erschütterndes Bollwerk gesetzlicher Ungesetzlichkeit, einer stetigen Ausnahmsstellung gezimmert. Mag ein Kapitel der uns zunächst liegenden Geschichte unserer Gemeinde die Wucht, mit der das Wort Solidarität auf unsere Vorfahren lastete, uns veranschaulichen. Mehr, denn ein halbes Jahrhundert stürmten die Aeltesten der hiesigen Gemeinde unausgesetzt gegen die verhältnißmäßig jungen Ausnahmsgesetze in Preußen an, gegen das Edict von 1747 und das sogenannte Judenprivileg von 1750, dessen 24. Paragraph besonders odios war, Gesetze, welche das Aussprechen der subsidiären Haftung der ganzen Gemeinde für jedes ihrer Mitglieder, über deren Ausnahme oder Nichtaufnahme die Juden dazu nicht einmal selbst zu entscheiden hatten, die jüdischen Gemeinwesen in Preußen schädigten und noch mehr brandmarkten. In diesem Kampfe, den Ludwig Geiger-) actemnäßig darstellt, stand wiederholt die höchste Staatsbehörde, das General-Directorium, auf Seiten der Juden gegen das Justiz-Departement. Nur schwer konnte in dieses festgefugte Bollwerk eine Bresche geschossen werden, bis der Anfang des 19. Jahrhunderts (Juli 1801) es zu Falle brachte. Es ist ja ein ehrendes Zengniß für die gegenwärtige Judenheit, daß sie die jüdische Solidarität als ein Schmerzenskind des Judenthums betrachtet, welches man besonders lieben müsse, daß sie aus freien Stücken zu einem Gedanken sich bekennen mag, dessen Zwang die Gerechtigkeit der Völker fallen gelassen. Aehnlich, >vie die Thora an das Gedächtnis) des ehemaligen Leidensstandes in Egypten eine Reihe von Gesetzen der Milde und der Liebe anknüpft, möchte sie einen Gedanken, der für uns die Keime so vieler Bitterniß enthalten hatte, nunmehr zum Samenkorn süßer Fruchtsaat umgestalten. Simsons Räthsel: „Zehrung kommt vom Zehrenden," „Süßes vom Grimmigen" 3) strebt sie an auf solchem Wege praktisch zu lösen; allein noch hat der Leu nicht ') Theil II, 285 u. 508. - *) Geschichte der Jude» in Berlin II, S. 108 u. ff. - J) Richter 14, 14