Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1881)
- Date
- 1881-07-01
- Page
- Seite 161 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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161 talmudistischcn Standpunkte fast zu derselben Einschränkung der Bedeutung unseres Satzes, wie wir von unserem kritischen, während der bekannte jüdische Aristotetiker Gersonides ’) im Commentare zu Josua sich vielen Zwang anthut, den Satz in seiner schärfsten Fassung, der freilich, wie schon oben angedeutet wurde, im Buche Josua gerade seine biblische Stütze findet, zu vertheidigen. Aber neben der juridischen Formel für die Verbindung All-Israels hat die Agada, und in deren Fortsetzung die Kabbala manchen ansprechenden Ausdruck für den Gedanken von der jüdischen Solidarität, dem wir zum Mindesten aesthetische Berechtigung zuerkennen müssen, und man weiß ja, wie viel durch aesthetisches Wohlgefallen erreicht werden kann. Hier aus einer reichen Fülle wenige Proben: Warum wird Israel von den Propheten ein gescheuchtes Lanim genannt? Also fragt Chiskija, und er antwortet mit einem Anklang an die bekannte Fabel des Menenius Agrippa: Weil wie beim zart organisirten Lamme der ganze Körster es spürt, wenn der Kopf oder irgend ein Glied nicht heil ist, auch All-Israel es schwer empfindet, wenn Einer sündigt?) Ein älterer Lehrer, R. Simeon b. Jochai, verglich die Schädigung des Gesammtwohls durch den Einzelnen dem gemeingefährlichen Treiben desjenigen Schiffsinsassen, der an seinem Platze eine Lucke aushöhlt, durch die das Wasser allgemach eindringt, welches dann leicht das ganze Fahrzeug zum Sinken bringt3). Ein Anderer weist darauf hin, daß, während in der Erzählung von Esaus Uebersiedelung aus Kanaan noch Edoru von „allen Leben" (Genes. 36, 6) also einer Pluralität gesprochen wird, es dagegen von der Familie Jakobs (Exod. 1, 5) heiße: Und es war alles Leben (Kol-Nefesch) der Nachkommen Jakobs siebzig Leben" (beide Mal Nefesch im Singular), und begründet das dadurch, daß wo Vielgötterei vorherrsche, es gelte, „so viele Köpfe, so viele verschiedene Meinungen," daß dagegen die Einheit im Bekenntniß des Einen eine enge und innige Seelenverbindung herstelle?) Aus dem Kreise der Schüler Jsak Lurjas, des bekannten Schulhaupts der jüngeren Kabbala, wird gefragt: Warum wird Jakob in der Schrift (Deut. 32, 9) die Schnur göttlichen Erbtheils genannt? Und es erfolgt die Antwort: Weil die sechzig Myriaden Seelen Israels in einander ebenso verwebt sind, wie die einzelnen Fäden zur Schnur. Auch kannst du wohl merken, daß, wenn die Schnur gespannt ist, sie auf der ganzen Linie erzittert, sobald nur ein Ende bewegt wird; ebenso fühlt die ganze Gemeinschaft den Zorn, wenn einer gesündigt hat.'') Demselben Kreise angehörig, schreibt Samuel di Oseida: Fest muß man glauben, daß das ganze Haus Israel Eine Seele bildet, weil wir Einen Vater- Haben, und weil Ein Gott uns erschaffen hat. Die Seelen aller Israeliten sind aus Einem Urschacht ausgehauen. Israels Allseele ist ein Theil Gottes, der eine Einheit ist.'') Von unseren Genossen wenden wir uns nunmehr zu unfern Gegnern, um zu sehen, wie sie die jüdische Solidarität nehmen. ') Geb. 1288 11. gest. um J845 nach Graetz Geschichte d. Juden, 7 II. S. 845. - '-) Wajikra Rabba, seet. 4 und öfters in verschiedenen Midraschim. Eine den Sinn modificirende Lesart des Jalkut Nr. 277 erweist sich trotz des ersten blendenden Scheines bei einigem Nachdenken als unberechtigt. — a) u. 4) Waj. Rab. a. a. O. ö) Reschit chochma cap. 14. o) Midrasch Schmuel zu Abot II, 5.