Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1881)
- Date
- 1881-07-01
- Page
- Seite 159 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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159 den Sinn kommen, daß Netteste eines Gerichtshofes eines Mordes fähig wären, daß sie so nachdrücklich vor jedem Argwohn ihrer Schnldbetheiligung sich verwahren müssen? Der Sinn dieser Worte kann nur der sein: Keiner, der uns näher trat, durste über Verwahrlosung sich beklagen. Jedeni, der uns darum bat, gewährten wir Zehrung und Geleit." Wiederholt wird im 5. Buche Moses geboten: „Und Du sollst das Böse wegräumen aus Deiner Mitte" und wird iin 3. Buche dem Lande Kanaan, also dem Boden, auf dem Israel leben sollte, feine Empfindsamkeit zugeschrieben, derzufolgc es frevelhafte Bewohner nicht auf sich dulde, ein hochpoetischer Ausdruck für das tiefgemüthliche Gefühl, der heilige Boden der Gemeinschaft werde durch jede Trübung des Geistes der Sittenreinheit entweiht, sie sei eine öffentliche oder eine verborgene, weil sie die unsichtbare Majestät des allsehenden Gottes verletze, der inmitten Israels thront. Versetzen wir uns aus der biblischen Zeit in die mischnische-talmudische! Das Geschlecht Israels lebt nicht mehr auf seinem eigenen Boden; denn selbst der heimatliche Boden ist nicht mehr sein Eigen. Man fühlt es, kein menschlicher Wille und keine nienschliche Macht mehr sei im Stande, an der Thatsache, daß für Israel die Diaspora (Zerstreuung) gekommen, etwas zu ändern. Aber „der Israel zerstreut hat, sammelt es." *) In der Zerstreuung schafft der Geist des jüdischen Stammes — wie zum Hohne der Wirklichkeit — die Jdealgestalt der ,,Kenesset Jisrael,“ der Gemeinschaft Israels. Diese Jdealgestalt wurde gleichsam der Schutzgeist der Juden, der „Engel, den Gott vor uns ausgesandt hat, uns zu behüten auf deni Wege" 2) durch alle Lande. „Gegen diesen Engel sich versündigen, das kann nicht verziehen werden; denn in ihm waltet der Name des Höchsten." 3) Wer von der Gemeinschaft sich ansschließt und seine Wege von denen der Gesammtheit sondert, wird nunmehr fast einem Religionsabtrünnigen gleich angesehen^) und wird seines Antheils an der jenseitigen Seligkeit verlustig3) erklärt. Auch die locale Gemeinschaft, die Gemeinde, bewährt sich trefflich als ein Band, das ihre Glieder innig umschließt zu Zwecken der Gottesverehrung in Lehre und Uebung, wie zu Zwecken der Nächstenliebe. Die zerstreuten Gemeindeverbände, ja selbst die zerstreuten Einzelnen, ob sie bewußte Fühlung mit einander unterhalten oder nicht, Eines eint sie: der gleiche Wille, das Judenthum zu erhalten, zu fördern. Der Glaubensbund, die Einheit der Erinnerungen und Hoffnungen verbindet die getrennten Kinder derselben gleich innig verehrten Mutter. Auch wer nicht die talmudisch-midraschische Literatur kennt, hat doch schon von den beiden Armen gehört, in welche der Strom jüdischer Geistesarbeit jener Zeit sich theilte, von der Halacha und der Agada. In der Halacha herrscht die syllogistische Methode vor, in der Agada Freiheit der Phantasie. Jene spricht die Sprache der Rechtspflege, diese die der Erbauung. Da aber, wo der eine Strom sich eben erst in die beiden Arme zu teilen beginnt, ist die Scheidung nicht immer eine strenge. Mitunter gerüth etwas zu diesem Arme Gehöriges in jenen und umgekehrt. So konimt es, daß manchmal auch ein vom Standpunkt unserer Betrachtungsweise durch und durch agadischer Gedanke im halachisch-juridischen Gewände erscheint. Tanaitische Schriftausleger des zweiten Jahrhunderts hatten die Verbind- ') Severn. 31, 9. - *) Exod. 23, 20. - a) ibid. V. 21. — ») Pessach-Agada s. v. Rascha, »ach Mechiltha Bo, sect. 18. — 6) Rosch-Haschschana 17a.