Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1881)
- Date
- 1881-07-01
- Page
- Seite 154 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2969670-2969678--0166-2970571- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
154 bestimmten und so scharf ausgeprägten Ausdruck gefunden hat, wie in dem Satze: „Alle Israeliten sind für einander verantwortlich!" Weil nun aber auch solch' inhaltsschwerer und bedeutungsvoller Satz nicht fertig dem Hirne Eines Mannes entspringt, dürfte angenommen werden, daß ihm eine längere Reihe früherer, dem gleichen Ende zustrebender Erwägungen vorangegangen fein müsse, wo nicht gar, wie dies ja bei jedem wahrhaft jüdischen Gedanken der Fall sein müßte,, Wurzel- und Ausgangspunkt in der heiligen Schrift selbst zu suchen wäre. Was ferner in unseren Augen dem Satze eine besondere Weihe verleiht, das ist, daß er ein Ergebniß unserer geschichtlichen Entwicklung zu sein scheint. Durch Jahrhunderte wurde ja thatsächlich und unter allen Formen Rechtens die Gemeinde, die Judenschaft für das zur Verantwortung gezogen, was der Einzelne begangen hatte,, und es werden vielleicht wohl auch noch Jahrzehnte darüber hinweggehen, bis man von gegnerischer Seite aufhören wird, den Juden ini Allgemeinen das Schlechte nachzusagen, das man mit Fug nur diesen und jenen Juden zur Last legen dürfte. Solidarität ist demnach ein Gedanke und ein Wort, die in die Entwicklungsgeschichte des Judenthums mit fast unverwischbaren Zügen sich eingeschrieben haben. Solch' einen Gedanken will man nicht wissen, solch' ein Wort kann man nicht vergessen. Lange genug hatten ungünstige und widerwärtige Rechtsverhältnisse uns gelehrt, daß wir die Last der gegenseitigen Verbürgung tragen können, können müssen, als daß nicht die günstige, frenndliche Wendung unserer Lage uns lehren möchte, daß wir sie tragen sollen. Was so lange, eine Bürde, uns niedergedrückt hatte, soll nunmehr, eine Würde, uns emporheben. Der Satz von der Solidarität aller Israeliten in seiner schärfsten Ausprägung begegnet uns zum ersten Male in der unter dem Namen „Sifra" bekannten Erklärung des dritten Buches Mose, und zwar als Auslegung einer Stelle in der mosaischen Strafrede, der sog. Tochacha, die da lautet: „Und sie werden straucheln der Eine am Anderen" '). Wer möchte nun darin, daß unser Satz gerade an diese Textesstelle, für welche sich manche andere Stelle des Pentateuchs noch läßlicher dargeboten hätte, angelehnt wurde, nicht gern einen Fingerzeig der Alten erblicken dahin, daß allerdings für lange Zeiten hinaus die jüdische Solidarität den Leidensstand unseres Geschlechts vermehren und erhöhen würde, daß aber in Wahrheit und zum letzten Ende auch diese Einzelheit der Tochacha, wie unsere gesammte Leidensgeschichte, als ein Quell der Läuterung, statt eines Fluchs — ein Segen an uns sich eNvcisen würde? Auch sachlich liegen zwei berechtigte Antriebe, zwei gesunde ethische Ideen in dem Satze von der Solidarität. Das eine Mal wird jedem Einzelnen zugerufen, daß die Folgen seines Thuns und Lassens nicht auf ihn allein beschränkt bleiben, ein Mahnruf, der bei sittlichen Naturen vielleicht nicht ohne Eindruck bleibt. Das andere Mal wird die Gesammtheit ermahnt, liebende Fürsorge für alle ihre Glieder zu treffen, daß keines im Gefühle der Verwahrlosung einen Fehltritt begehe, der dann der Gesammtheit angeschrieben würde. Der Antrieb an den Einzelnen steht sittlich höher, macht sich aber schwächer vernehmbar, der Antrieb an die Gesammtheit ist nicht frei vom Anhauche des Egoismus, führt aber eine desto eindringlichere Sprache. Hochgeehrte Anwesende! Diese Darlegung legt Ihnen wohl Zeugniß dafür ab, daß ichs an einer Würdigung des Berechtigten in unserem Satze nicht habe fehlen lassen; aber ') Levit. 26, 67. *