Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1881)
- Date
- 1881-06-01
- Page
- Seite 145 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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145 Wenden wir uns nun nach diesen allgemeinen Bemerkungen zu dem Buche Maria Embden's über beu Dichter, so müssen wir, wenn auch dasselbe hinter den Erwartungen, die man an dasselbe geknüpft hat, zurückgeblieben sein mag, doch hervorheben, daß es innnerhin einen höchst interessanten und lehrreichen Vertrag zur Heineliteratur bildet, aus dem man manche Belehrung über den ungezogenen Liebling der Grazien urid Musen schöpfen kann, denn immerhin sind einzelne der Wirklichkeit entnommene Berichte oft wohl mehr geeignet, Licht auf den Charakter eines Menschen zu werfen, dem noch die Phantasie der Berichterstatter viel zugesetzt hat, als dickbändige Werke, in welchen eine Bermuthung die andere drangt. Es ist das zweite Mal, daß mit liebender Theilnahme für den Dichter, die aus denr verwandtschaftlichen Verhältnisse stammt, uns sein Leben vorgeführt wird. Maria Embdcn, die Tochter Charlottens, eine Schwester Heine's, der auch eins seiner Werke gewidmet ist, schöpft nicht aus Quellen; ihre Darstellung hat Acußerungcn ihrer Mutter und Großmutter zur Grundlage. Samson, einer der sechs Söhne aus dem Hause Hei ne's aus Hannover, erhielt als Armeelieferant, dem Strodtmann im Gegensätze zu Maria Embden nicht Ofsiziersrang zuerkennt, einen Quartierzettel auf das van Geldern'sche Haus in Düsseldorf. Dort lernte er seine zukünftige Frau Elisabeth, die jüngste Tochter des Hauses kennen, die er erst nach vielen Kämpfen heimführen konnte. Heine, der erste Sohn dieser Ehe, erhielt zum Andenken an einen Freund in London den Bornamen Harry. Weil aber zufällig in Düsseldorf alle Esel Harry gerufen wurden und auch Heine darunter zu leiden hatte, nannte man ihn lieber Heinrich. Der ganze lebhafte satyrische Geist der Rheinlande drang in Heine's Knabenseele und legte den Grund zu jenem Spott und Humor, der noch seine blassen Lippen umspielte und aus seinen fast erloschenen Augen sprühte. Heine war der Liebling seiner Mutter, die sein Talent früh erkannte und ihm die Grundelemente der Bildung beibrachte. Er kam später zu einer fünfzigjährigen Jungfer in Erziehung und weil sie ihn in ihrer Launenhaftigkeit oft bestrafte, spielte er lhr allen nur möglichen Schabernack. In den Krug mit Milch, aus dem sie trinken sollte, goß er Tinte und ihre Schnupftabaksdose entleerte er des natürlichen Inhaltes und füllte sie mit Sand. Auf die Frage seiner Lehrerin, warum er solches gethan, gab er die kurze ehrliche Antwort: „Weil ich Sie hasse." Einem Zeichenlehrer, der während der Unterrichtsstunde einschlief, malte er einen Eselskopf an und entschuldigte sich später mit den Worten: „Er schläft während der Stunde und träumt laut von seinen Schulden." Wenn es nach seinem Lehrer Schallmeyer gegangen wäre, der voll Entzückens für ihn war, so wäre Heine Theologe geworden und nach Rom gegangen. Er war unglücklich, daß Heine's Mutter, als er an sie dieses Ansinnen stellte, ihm erwiderte, er solle lieber Bücher führen als Bücher schreiben. Heine sollte in der That Kaufmann tverden, hat sich aber nicht gut dazu angestellt und entschloß sich Jura zu studiren, und obwohl er später das Examen bestanden, hatte er doch keine Liebe zu den Pandekten. Das frische Leben zog ihn immer mächtig an, aus dem seine Muse in vollen Zügen schöpfte. Bezeichnend ist Heine's Stellung zu seinem sonst sehr achtungswerthen Onkel Salomon, der, mit 16 Groschen aus Hannover gehend, später einer der reichsten und wohlthätigsten Männer Hamburg's geworden ist und dessen Name noch heute durch Stiftungen aller Art ehrend genannt wird. Onkel Salomon und Neffe Heinrich waren viel zu entgegengesetzte Naturen, als daß zwischen ihnen je eine Seelenharmonie hätte bestehen können. Salomon legte an Alles den 12