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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1881-06-01 · Heft 6 (1.6.1881) · p. Seite 144

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
1 (1881)
Issue
Heft 6 (1.6.1881)
Date
1881-06-01
Page
Seite 144 (sequence 16)
Language
German
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144 Solche aus der Art geschlagene geniale Persönlichkeiten wie Heinrich Heine werden gewöhnlich entweder über Gebühr verherrlicht oder ins Maßlose verunglimpft und finden darum, je nach dem Standpunkte ihrer Beurtheiler und deren Stellung zur Welt und der sie im Innersten bewegende» Fragen auf der einen Seite eine überschwengliche, übergebührende Erhebung mit Uebersehung der ihne anhaftenden Fehler, und auf der anderen Seite eine ungerechte, lieblose Herabdrückung ihrer wirklichen Verdienste, die vor lauter Vorurtheil gar nicht hervortreten können. Fragen wir zunächst, wie stand Heine zu dem Judenthum, das er am 28. Juni 1825 zu Heiligenstadt mit dem Christenthum verwechselt hat, so müssen wir sagen, er blieb nach wie vor derselbe, und es läßt sich nicht leugnen, daß dieser Schritt einen schweren Schatten auf seinen Charakter wirft, insofern als er sowohl dem Judenthum, das er verlassen, sowie dem Christenthum, zu dem er sich bekannte, nur äußerlich zugethan war. Die Convertirung seines Glaubens war ihm bloßer Schein, er blieb nach wie vor derselbe und das Taufwasser war am Allerwenigsten dazu geeignet, in ihm eine feste Gesinnung $u erzeugen, da bei ihm Alles in beständigem Kampfe wogte und er zu einer unerschütterlichen, aus der Versöhnung von Gegensätzen herbeigeführten Ueberzeugung nie gelangt ist. Seine Erziehung war nicht dazu angethan, ihn gerade mit Begeisterung für das Judenthum zu erfüllen, die mit Zederukraft ausrüstet, um allen Stürmen trotzen zu können und fälchlich nehmen Historiker an, Heine hätte sich sogar in der Jugend gehütet, rituelle Vorschriften zu verletzen. Seine hellenophile Natur, der das Gesetz vollendeter Formschönheit innewohnte, fühlte sich beim Erwachen zum Selbstdenken zu dem Judenthum» das bis zur Unkenntlichkeit entstellt und in seiner äußeren Gestalt verzerrt erschien, nicht sehr hingezogen; daß unter dieser abstoßenden Hülle ein so edler Gehalt für den Tiefeindringenden verborgen liege, das hat Heine erst später erkannt, als sein Geist eine größere Reife erlangt hatte und sein Urtheil historisch geschürft war. Es war ihm nicht möglich, seinen Schönheitssinn mit der Wahrheit des Judenthums, die damals bis zur Unkenntlichkeit entstellt war, in friedlichen Einklang zu bringen. Auch die Reformbewegungen innerhalb des Judenthums er füllten ihn nicht mit Befriedigung; kamen sie doch mehr von Außen hinein als von Innen heraus und hatten eine nur mehr ästhetische als historische Tendenz, weil sie, nur durch äußere Verhältnisse geboten, keinem inneren Triebe und Drange entsprochen hatten. Das Judenthum, besonders sein Lehrinhalt, war damals noch zu wenig wissenschaftlich vertieft und historisch beleuchtet, und die Reform war nur ein Gebot der Nothwendigkeit, nicht wie heute ein Gebot der Wissenschaft. Auch war in der Jugend bei Heine die hellenische Geistesrichtung die vorwiegende und erst in seinem späteren Alter und in seiner Krankheit kam der Geist des Judenthums über ihn und Wahrheit, das Wesen, der Kern, bedeutete ihm mehr als Schönheit, Schein und Form. Wie herrlich erschien ihm das Judenthum, das nicht die Abschaffung des Eigenthums, sondern die Verfittlichung desselben verlangte. Wie trat ihm der Gegensatz zwischen der römischen jede Hoffnung abschneidenden Verjährung und der biblischen Wiedererlangungsfähigkeit des Besitzes so klar entgegen! Derselbe Mann, der früher von einem „Unglück" und nicht von einer „Religion" des Judenthums sprach, feiert dasselbe später in seinen Geständnissen so herrlich und zollt ihm das größte Lob. Klein erscheint ihm der Sinai, wenn Moses darauf steht, der Berg erscheint ihm nur als Postament, auf dem die Füße des Mannes stehen, dessen Haupt in den Himmel hineinragt, wo er mit Gott spricht.

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