Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1881)
- Date
- 1881-06-01
- Page
- Seite 142 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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142 und Zeugnisse von dem Leben und den Lehren des Religionsstifters mit einer derart zersetzenden Gründlichkeit zerstört, daß es nicht wundern darf, wenn das Buch so viele Jahrhunderte der Oeffentlichkeit entzogen bleiben mußte. Gleich einem geschickten Feldherrn, der einen Gegner von zwei Seiten einschließt, um ihn mit einem mörderischen Doppelfeucr zu deciniiren, so kommen auf die Angriffe ,Bodins immer von zwei verschiedenen Richtungen: von der einen Seite führt er die Gesetze der Vernunft, die Gründe der Philosophie und Logik gegen die Dogmen ins Feuer; auf der andern Seite schwingt er die Waffen der Grammatik und das scharfe Messer seiner schneidigen Kritik zerreißt den alten Text in tausend zusammenhangslose, gefälschte, verderbte, innerlich widerspruchsvolle Einzelnstücke. Die trostlose Beschaffenheit des evangelischen Textes, seine zallosen Ausmerzungen und Interpolationen, Aenderungen und Entstellungen, die, wie Bodin sagt, nicht etwa bloß auf einzelne Worte, Sätze, Silben und Verse, sondern auf ganze Perioden und Capitel sich erstrecken, die Widersprüche in den Angaben der verschiedenen Berichterstatter unter einander lind oft mit sich selber, die dem gewandtesten Dialektiker eine Ausgleichung unmöglich machen, das offenbar Tendenciöse in den Erzälungen und Referaten, welche den Verlaus der Dinge nicht ohne Gewalt gemäß der Weissagungen der alten Profeten künstlich zurichten, dieses Alles hat bis auf die Jünger der Tiibinger Schule keiner mit solch' minutiöser Genauigkeit aufgeführt. Seine Angriffe auf den Heiligen- und Bildercultus, die Ohrenbeichte, das Fegefeuer, das Cölibat und die Unlöslichkeit der Ehe mit allen ihren genau geschilderten Folgen — wetteifern mit den verwandten Ausführungen Voltairs. In die Einzelheiten dieser Kritik einzugehen, erachte ich nicht gerade als meine Aufgabe, um so mehr darf ich davon abstehen, als das Christentum andererseits bei Salomo auch volle und gerechte Würdigung findet, und er seiner großen, göttlichen Mission für die Entwickelungsgeschichte der Völker, für die Verbreitung großer Culturideen, williges, intimes Verständnis entgegen bringt. Die Schrifterklärung, die Exegese Salomos atmet überall Humanität, hat ein lebhaftes Gefühl für Menschenwürde zu ihrem Hintergrund. Fern ist ihm der Fanatismus der Buchstabenglaubigkeit, die Anbetung des Wortes. Er dringt überall auf den Geist, den Gehalt, den Gedanken, den geheime» Kern. Gleich wie das innerste des Heiligtums zu Jerusalem nur dem Hohenpriester offen stand, die äußeren Tempelrüume für das ganze Volk, so, sagt Salomo Bareassus, find die Erzälungen der h. Schr. in einer für Jedermann faßlichen Sprache dargelegt, die gleichzeitig eine Reihe zarter Gedanken geheim verbergen, welche bloß der Erkenntnis der geistig Hervorragendsten sich offenbaren. Wenn der König Salomo sagt: „Unter tausend Männern fand ich einen, unter tausend Frauen keine" so kann das nur eine Allegorie, ein Bild mit einem geheimen Gedanken sein. Denn derselbe König Salomo, vou dem dieses Wort herrührt, hat nicht allein das schönste, orientalische Liebesgedicht verfasst, sondern auch einen Hymnus auf das Biederweib, welches der Frau die höchsten Tugenden, die größten Vorzüge und Verdienste zuspricht. Die Stellung des Weibes bei den Hebräern war überhaupt eine günstige, eine viel bevorzugtere als selbst bei den Griechen und Römern. Salomo Barkassus weist hin auf die. Profetin Deborah, welche in einer Zeit schwerer Krisis an der Spitze des Volkes gestanden hat, und der sich Völker und Stammhäupter willig unterordneten; ferner auf den großen Einfluß, den die Profetin Hulda auf die Staatsangelegenheiten ausgeübt hat. Die erste Sünde der Stammeltern der Menschen, der Fluch, mit welchem Gott das Menschengeschlecht belegt hat, ist vielfacher Gegenstand der Diskussion.