Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1881)
- Date
- 1881-06-01
- Page
- Seite 138 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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138 gerechte Züge, man weiß bei jedem, wo der Maler seine Farben genommen, wer ihm zum Modell gesessen. Mit einem Wort, wir sehen die Religionen selber plastisch verkörpert in einzelnen Individuen, mit der Fülle ihrer geistigen Eigenart, mit der bezwingenden Gewalt ihrer Geschichte, mit der Autorität ihrer reichen Wirksamkeit. Ueber alle aber ist der Schimnier und der Glanz der Versöhnung ausgegossen, nirgends ein grelles Licht, das ein schwaches, empfindliches Auge nicht erträgt. Der gutmütige, freigebige Coronäus hat keinen Zug jener Weihrauch duftenden Niedertracht des Patriarchen im „Nathan" in sich, sein Kätholicismus ist nicht der unduldsame, verfolgungseisrige der Inquisition und des Scheiterhaufens, er ist der sanfte, unterwürfige Katholicismus der Medici, allein von mehr religiöser Weihe und Sittlichkeit. Er ist der Repräsentant des strengen Gehorsams, der geistigen Unterwerfung in diesem philosophischen Cirkel; die schwerwiegendsten Einwürfe der Gegner vermögen nicht seine Ueberzeugung zu erschüttern, er hat auf alle Fragen eine und dieselbe Antwort und die genügt ihm: Crprlemhmi est Ecclesiae, Die kirchliche Autorität ist sein starker Schild an den? alle feindlichen Geschoße wirkungslos abprallen, mag ihnen von dem zerstörungswütigen Dynamit der bösen Kritik noch so viel beigemischt sein. Dabei ist dieser Katholik ein Mann von tiefen Kenntnissen und heißer Wissensgier, vereinigt er sich alle Tugenden einer großen Seele. Weit weniger geschmeidig, mit einem Beisatz von Herbheit und Sprödigkeit ist die Figur des Lutheraners Friedrich gezeichnet, der mit großer Energie die von der kirchlichen Autorität losgelösten Dogmatik der neuen Lehre verträgt und verteidigt. Bei hohen Kenntnissen zeigt er ein lebhaftes Temperament, welches ihn oft und eifrig in die Discussion eingreifen, sie mit aller Zähigkeit festhalten läßt. Als Salomo Barkassus angefochtenen Erzälungen der heiligen Schrift, so das Gespräch der Schlange mit Eva, der Unterredung des Esels mit Bileam, mittelst der feinen Kunst jüdischer Bibelexegese, auf ihren inneren und wahren Ideengehalt auflöst, den Gedankenkeru entkleidet der bunten Umhüllung vorzeigt, ergreift ihn ein Schrecken. Mit demselben Eifer, wie die Ansprüche der kirchlichen Tradition bekämpft er die freie Auslegung der heiligen Schriften: die fürwitzige Kritik erscheint ihm von gefährlichen Consequenzen. Mit seinem Humor führt gerade Coronäus, der Katholik, diese Anschauung u-I absurdum; zum Dessert ließ er Obst zu Tisch bringen und untermischte künstlich nachgeahnite Aepfel unter natürliche. Zu eigenem großen Aerger und zur Belustigung der Gesellschaft war Friedrich das Opfer der Täuschung: mit dem Ausruf „Ich weiß nicht, ob sich einer von Euch doch nicht vergreifen wird", führt er einen farbenfrischcn, imitirten Apfel zum Mund und versilchte hineinzubeißen <S. 178). Entweder ich frage den Ueberbringer nach der Echtheit des Gebotenen und ich stütze mich aus die Autorität, oder ich muß selber prüfen und untersuchen, soll ich nicht das Opfer des äußerlichen, trügerischen Scheines werden. Eine ungleich vortheilhaftere Stellung ist dem Zwinglianer Enrtiuseim geräumt. Ein Freund freier Kritik und selbstständiger Bibelforschung beißt er in den Apfel nicht und führt ihn nicht zum Mund, solange er ihn nicht auf seine Aechtheit geprüft hat. Ein Manu strenger eiserner Evnsequenz schreckt er davor nicht zurück, zu Gunsten der Panlinischen Prädestinationslehre gegen die sittliche Freiheit des Menschen den Kämpf aufzunehmen. In Liebenswürdigkeit des Charakters dem Coronäus sehr nahestehend, erscheint sein religiöser Antipode, der Skeptiker und moderne Epikuräer Senamus, ein halber Heide, dessen einzige Autorität die Natur, dessen Cultus die