Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1881)
- Date
- 1881-06-01
- Page
- Seite 137 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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137 mächtigen Vaterstadt, in seinem gastlichen Hanse Gelehrte und Philosofen, Männer des Wissens und des Talentes aller Völker und Zungen, aller Anschauungen und Bekenntnisse. Zu den intimen Bekannten und Hausgenossen der frommen Katholiken zählt ein Lutheraner Friedrich, ein reformirter Zwinglianer Curtius, ein Muselmann Octavius, ein Jude Salomon bar Cassus, ein Supernaturalist Toralba, der mit keiner Religion und der indesferente Senamus, der mit allen Religionen gemeinsam Sache macht. Sie schließen einen Freundschaftsbund zur Erforschung der Wahrheit, und vereinigen sich alle Abend in dem mit einer reichen, verschwenderischen Pracht eingerichteten, mit jedem nötigen Comfort versehenen Hause des Coronäus zu einer geistreichen, gelehrten Unterhaltung. Nicht eine der weltbewegenden Fragen der Religion und Politik bleibt unerörtert, sie führen die Diskussion mit dem größten Freimute, mit blendender Originalität. Diese philosophischen Gespräche, welche ein Secretür des Hausherrn für einen Freund aufzeichnst, bilden den Inhalt des Heptaplomeres. Der Grundgedanke des Ganzen deckt sich vollständig mit dem des großen deutschen Dichters in dem berühmten Toleranz-Drama: was dort poetisch zur Anschauung und zur Empfindung gebracht wird, gibt sich hier als das Resultat einer wissenschaftlichen, kritischen und philosophischen Prüfung der Religionen selber, und aller ihrer dogmatischen und historischen Principien. Es ist dasselbe Endergebnis, zu dem der Dichter und der Gelehrte gelangt. Der Autor tritt ganz iu den Hintergrund; die Religionen führen ihre Sache selber durch den Mund eines gelehrten, begeisterten, von ihrer Wahrheit und Heilkraft innig durchdrungenen Bekenners. Ohne eigentlich intolerant zu sein, ohne auf Seelenfang auszugehen, können die christlichen Freunde schon aus Freundschaft der Versuchung nicht widerstehen, zunächst und vor Allem Salomo Barkassus als den Träger der einzigen, geistig gefestigten, dem Christentum ebenbürtigen Weltanschauung, (S. 204) und dann durch seine Vermittlung die anderen Richtungen für das Christentum zu gewinnen. Sie unternehmen diesen Versuch mit allen Mitteln einer weit ausgedehnten, philosophischen, historischen, teologischen Gelehrsamkeit, und einer scharfsinnigen Dialectik. Bald aber und sie stehen vor der mächtigen, überwältigenden Wahrnehmung, daß das Unternehnien ein ganz Anderes, als das gehoffte Resultat ergibt — und in der Erkenntnis gipfelt, daß die Kriterien stir Glaubenswahrheit sehr unzuverläßig, daß die Zeugnisse der Vernunft keinem Bekenntnis mehr als den Andern das Wort sprechen; daß die heiligen Ueberlieferungen der Väter nur für den eine Fülle überzeugender Kraft besitzen, der ihnen gläubig vertrant. Gefördert und geläutert durch das Probefeuer der Gegengründe geloben sie sich von nun über Religion nimmermehr zu disputiren, fortan wollen sie ihre Frömmigkeit durch gemeinschaftliche Studien, durch friedfertiges Zusammenleben, in Heiligkeit des Wandels an den Tag legen, mit allen, Eifer aber Sektenhaß und Religionszwang verabscheuen. Nicht allem dieses Resultat, sondern die Art, in welcher es gewonnen wird, macht das Buch zu einer der fesselndsten Erscheinungen in der gesammten Weltlitteratur. Die Personen, die vorgeführt tverden, sind keine leblosen Figuren, Dratpuppen in der souveräneu Macht des Autors; sie stehen vor uns als mächtige Charactere, als Träger und lebendige Verkörperung religiöser und philosophischer Principien mit vollster Individualität. Jeder der Redner bringt einen scharf ausgeprägten Typus, ja den höchsten und Vollendesten zur Darstellung, welche die specifische, religiöse Richtung, die er vertritt, erzieht und ausbildet. Die Typen sind auf den ersten Blick erkennbar, sie tragen logisch und historisch