Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1881)
- Date
- 1881-06-01
- Page
- Seite 134 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 134 — Er war der Mann der großen Anfänge und Einleitungen. Auf vielen Gebieten der menschlichen Geistesarbeit war er Vorläufer und Gründer, hat er die ersten Lichtstralen der Erkenntnis verbreitet. Ihm mangelte nur das agitatorische Talent, die Geister der Zeit in den Dienst seiner Ideen zu zwingen. Nach vielen Richtungen hat er einen Weckruf ausgestoßen, allein war seine Stimme * nicht mit jener Kraft begabt, das laute, theologische Gezänk des Jahrhunderts zu überschreien, war das Gehör der Zeitgenossen noch nicht geschärft genug, einen solchen Ruf zu vernehmen — späteren Zeiten erst und späteren Talenten, hat es das Geschick Vorbehalten, den großen Ideen Träger zu werden. Es ist geradezu wunderbar, wie viel von den Ideen, die heute Gemeingut der europäischen Bildung sind, in Bodin ihren Vater hatten. Er war der Gründer des modernen Rechts- und Geschichtsstudiums. In einer bahnbrechenden Schrift*), welche er 1566 veröffentlicht hat, bekämpft er zum erstenmale das einseitige Studium des römischen Rechtes, welches er durch das der vergleichenden Rechtsgeschichte ersetzt wissen will. Er wendet sich ebenso scharf gegen die materialistische und niedere Geschichtsauffassung, welche das wahre Leben der Völker in den Aeußerungen und Ausbrüchen ihrer Gewalthätigkeit, ihrer nationalen Kriege concentrirt sieht. Die Geschichte soll die Sitten- und Geistes- Entwickelung der Völker, die Motoren ihres inneren Aufschwunges und Verfalles zur klaren Darstellung bringen, die historischen Ereignisse und Evolutionen aus den geistigen Strömungen der Zeit erklären, für das Verständnis historischer. Erscheinungen allgeineine Gesichtspunkte fassen, welche das scheinbar Zufällige im Leben der Völker als notwendiges erkennen und begründen. Mit einem Worte, er verlangt das, was Vico eine Physiologie, Herder eine Philosophie der Ge-! schichte genannt hat. In einer weiteren Schrift8), die er 1568 veröffentlicht hat, begründet er bahnbrechend die wissenschaftliche National-Oekonomie und nimmt den Kampf T auf gegen die alten feudalen Anschauungen und Monopol-Einrichtungen, welche Handel, Gewerbe' und Industrie in lästigen Ketteil geschnürt halten und preist die Wichtigkeit des internationalen Warenaustausches für den Wolstand der Bevölkerung, für den Reichtum des Staates, für sein Ansehen und seine Sicherheit nach Außen. Durch den freien Verkehr teilen sich die Völker ihre moralischen Ideen, ihre geistigen Fähigkeiten d. h. ihre Civilisation mit, werden die verschiedenen Staaten durch ein Band gemeinsanien Interesses zu verwandtschaftlichen Haushaltungen verbunden. Der Völkerhandel ist ihm die sicherste Bürgschaft gegen Völkerhändel. Von der Regierung verlangt er, daß sie über Ein- und Aussilhr, Einnahmen und Hilfsquellen, Bedarf, Verbrauch und Ueberfluß des Landes Berechnungen aufstellen, um ein klares und sicheres Bild des Volkshaushaltes zu gewinnen. Mit einem Worte, er ist der erste Freihändler, der Gründer der politischen Oekonomie und gibt die ersten Anregungen zu einer wissenschaftlichen Statistik. 1576 publizirte er seine politische Encyklopädie8), die 6 Bücher vom Staate, das größte politische Werk des 16. Jahrhundertes, daraus Montesquieu für sein esprit les lois und Rousseau für sein contract social, den größten Teil der Gelehrsamkeit geholt, ganze Capitel wörtlich abgeschrieben. In diesem Werke, das in alle lebenden Sprachen sofort übertragen wurde und von dessen Ideenreich- J*. tuni ein Bild zu entwerfen, ich mir leider versagen muß, hat zum erstenmal ein , französischer Staatsmann eine Versöhnung zwischen her legitimen Monarchie und den Forderungen der bürgerlichen Freiheit, der Tradition mit der Vernunft versucht, und die Formen eines Rechtsstaates bis auf die einzelnsten Züge ausge- L