Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1881)
- Date
- 1881-06-01
- Page
- Seite 131 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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131 Menschen ein frischer Hauch, eine neue Lebenslust des Geistes entgegen, der den Zersetzungsproceß der veralteten Gebilde beschleunigte und auf allen Gebieten des Erkennens und Empfindens den Bruch hat vollziehen helfen mit einer Tradition, welche den Geist der Völker so lange niedergehalten hat. Der Bruch ward vollbracht, allein er blieb nur ein Bruchstück. Die Baumeister ließen die Hände sinken, ehe der neue Bau bis zur schwächsten Vollendung gedieh. Auf das erste Frühlingswehen folgten kalte Stiirme und Regenschauer, die massenhafte 'Saat hatte nur eine schmale Ernte, die ungeheuren Ansätze mit Herkuleskraft haben nur kleinliche Ziele erreicht: eine Schöpfung, einseitig und beschränkt, ohne Verhältniß zu den großartigen Mühen der Schöpfer. Freiheit auf allen Gebieten, in der Wissenschaft und Kunst, im Denken und Glauben, im Staat und in der Gesellschaft, wollte man und was man erreichte war das schauerliche cujus regio, ejus religio, eine Teritorialreligion, in der nach der treffenden Erklärung Sebastian Franks „ein Jeder dem Haufen und der Obrigkeit zu Lieb glaubt. Die Fürsten so mit Luther stimmen, haben ein lutherisch oder wie mans nennet evangelisch Volk. Wenn Einer aus Fürwitz einem andern Haufen etwas zu Lieb glaubt, so muß er doch das Maul drücken und den Landgott anbeten." Die ganze hinreißende Kraft der Begeisterung ergoß sich in das Bett der Dogmatik. Es war nicht mehr die Empörung der Vernunft, die ihre eigene Autorität im Bereiche des Gedankens zurückforderte, nicht der Aufruhr des sittlichen Gefühles gegen Satzungen, die mit seiner Weisung collidiren — derkleinliche Streit wurde geführt über die letzten Entscheidungen theologischer Autoritäten. Das gewaltige Ringen erlösender Ideen artete in ein widriges, theologisches Gezänk, in einen grausen, barbarischen Religionskrieg aus, der der menschheitlichen Kultur und den Freiheitsideen Förderung nimmermehr bringen konnte. Das große Unternehmen blieb unausgeführt, ein klägliches Fragment und harrt noch heute der Vollendung. Woran aber scheiterte jene stürmische Freiheitsbewegung von so imponirenden Anfängen und Anläufen, die so viele Gedanken in Umlauf gesetzt, so viele Begeisterung entflammt, so viele Jnteresseir angeregt hatte, wer hat jenem plötzlichen Erwachen des Verstandes uttb dem gewaltigen Lautwerden des sittlichen Empfindens, das mächtig genug wäre, nicht allein die Klainmern der geistlichen Weltherrschaft, sondern auch die Dämme des Feudalstaates und der gesellschaftlichen Zwangslage zu brechen, bei einein so kleinlichen Ziele Halt geboten? Es war, um es in einem Worte zusammenzufassen, die enge und engherzige Auslegung des Freiheitsbegriffes, »voran die Riesenarbeit scheiderte. Vielleicht in keinem der früheren oder späteren Jahrhunderte, ward so vielfach als iin Reforniationszeitalter die Freiheit angerufeu. Sie »var das Schlagwort Aller, die an den Zeitereignissen Theil genommen; allein der wahre Gehalt des so geläufig gewordenen Wortes, die ganze Tiefe seines Gedankens, die volle Weite itni> Ausdehnung seines Begriffes, blieb ein Geheimniß, den besten Geistern unerschlossen. Jeder forderte die Freiheit für sich; er stritt für sie mit unerschrockenem Muthe als für einen Vorzug, ein Vorrecht seines Gewissens, seiner Ueberzengung, nicht der, sondern seiner Vernunft; keinen Moment dachte er daran: den Andern, ihrem Gewissen, ihren Ueberzeugungen, ihrer Vernunft die angerufene Freiheit zuzuerkennen. Das sinnige Wort der Rabbinen, daß man zunächst für Andre zu beten hat, »venn man selber erhört sein will, gilt vor allem von den» höchsten menschlichen Gute, der Freiheit. Entweder sie ist für alle, oder sie ist gar nicht; so wenig vertrügt sich die eigene 10*