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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1881-06-01 · Heft 6 (1.6.1881) · p. Seite 130

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
1 (1881)
Issue
Heft 6 (1.6.1881)
Date
1881-06-01
Page
Seite 130 (sequence 2)
Language
German
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130 grauen, nach einer dunkeln Nacht, das Helllicht mit seiner belebenden Gewalt über den Horizont der Menschheit ungehindert -sich ausbreitet. Das 16. Jahrhundert. Von einem Wetterleuchten aufgerüttelt, beginnen die Völker des Abendlandes aus einem langen, dumpfen und betäubenden Schlafe allmählig zu erwachen. Als sie die Augen öffneten, hatte die ganze äußere Welt ihre Gestalt geändert, Himmel und Erde die Rollen getauscht.' Die Sonne war nicht mehr die gehorsame Magd, in steter Umkreisung einer kleinen Gebieterin; und sie selbst, die entthronte Erde, die eben erst in einem neuen vergrößerten Bilde von kaum geträumter Pracht vor den trunkenen Blickeil der Menschen sich enthüllt hat, war ans dem festen und unwandelbaren Mittelpunkt des Universums, in Reihe dienender und wandelnder Planeten gewiesen. „Siehe, ich werde schaffen einen neuen Himmel und eine neue Erde." Jes. 66. 22. Mit welch' anderem Auge schaute das Geschlecht fortan zunl Himmel auf, seitdem es erfahren: die Erde ist nicht mehr-die Welt, der Mensch nicht ihr Herr und König, der Himmel fürder nicht das bloße Dach der Erde; die Sonne und der Mond und die Gestirne sind nicht angezündet, um ihre und ihrer winzigen Geschöpfe äußere Dunkelheit zu erhellen. Wie ganz anders lernte der Mensch in sich und um sich schauen, seitdem er von der beschränkten Ansicht des heimatlichen Horizontes und der meerumflossenen Erdscheibe zur Uebersicht des Erdenrundes, zur Einsicht in die räumlichen Weltsysteme und deren unwandelbare Naturgesetze sich erhoben. Auch in dem Innern des Menschen, in seiner Geistes- und Seelenwelt beginnt es zu tagen. Die Vernunft lernt stammeln und fängt zu reden an, der Verstand erlaubt sich, die Dinge zu untersuchen, sich seiner selbst bewußt zu werden; die Wissenschaft klopft ans Thor, der Staat und die Gesellschaft enthüllen sich vor den bis dahin umflorten Blicken der Menschen; die Völker rütteln ungestüm an ihren Ketten, fordern ihre Freiheit zurück. Ein gewaltiger Geist durchweht die abendländische Welt, welcher das Alte, Abgelebte iii Trümnier legt. Ein Kampf beginnt gegen die tief eingegriffene Verwilderung der von der Natur gewaltsam abgezogenen und abgelenkten Menschheit. Man sucht die Denkmäler der antiken Welt auf, il>r ungetrübter Anblick soll Herz und Geist und Sinn wieder veredeln; das klassische Älterthum der Griechen und Hebräer mit seinem unversiegbaren geistigen Lebeusgehalt sollte die theologisch gefärbte Barbarei überwinden. „Gleich dem neuen Himmel und der neuen Erde, die ich schaffe, wird euer Stamm und euer Name sich verjüngen." Jes. 66. 22. War es ein bloßer Zufall oder lag darin eine tiefsinnige Vorbedeutung, daß bald der erste heftig entbrannte Kampf für die Befreiung der von den Mächten einer steingewordenen Ueberlieferung umschnürteu Geister, in jenem alles absorbirenden Ringen für oder wider die Religionsschriften der Juden seinen Ausdruck gefunden? Daß auf der einen Seite die Dunkelmänner mit ihrem Vorreiter Pfefferkorn und ihrem Führer Hochstraten auf die Verdammung und Vernichtung des Talmud und der rabbinischen Literatur drangen, auf der andern Seite die Vorarbeiter der Reformation, die Häupter der Humaniste», Johann Reuchlin und seine erleuchteten Mitstreiter und Jünger, mit dem größten Ernst und einem schwärmerischen Eifer der Pflege der vielgeschmähten Literatur, der tief verachteten Sprache der Rabbineu sich hingegebeu; mit Hilfe gelehrter Juden in die christliche Welt eine Reihe Schriftdenkmäler, kabbalistischen, grammatischen und religionsphilosophischen Inhaltes einführten? Aus dem hebräischen Sprachgut, aus der neu entdeckten Bibel strömte den

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