Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1881)
- Date
- 1881-05-01
- Page
- Seite 114 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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114 wie tiefer Unterdrückung müssen Die gewesen sein, die so urtheilen! Oder andererseits: wie lange gewöhnt an Alleinherrschaft! Toleranz ist beschränkte Rechtsverleihung. Wenn nun das Wort Toleranz auch der bevorrechtigten Kirche zugeschrieben wird; wenn man es der Art gebraucht, daß man sägt, auch die privilegirte Kirche könne Toleranz üben gegen Andersgläubige: so kann damit nur genieint sein, wie ich denke, beschränkte Achtung unter Hinweis auf eigene Höherberechtigung (oder doch im Bewußtsein des eignen höheren religiösen Werthes). Uebrigens Pflegt die bevorrechtigte Kirche keine Toleranz zu üben, viel weniger noch Humanität'"). Und wendet man den Ausdruck Toleranz an auf das Verhalten zwischen Einzelpersonen verschiedenen Glaubens, so wird es ebenfalls bedeuten: eine theilweise Achtung der religiösen Ueberzeugung (und Sittlichkeit) des Andersgläubigen, im Bewußtsein des eigenen Anspruchs auf vollständige Achtung; wie man hören kann noch heute: Einige gute Eigenschaften haben ja auch Nichtchristen; aber in der Hauptsache sind sie doch nicht viel Werth. Oder aber jene Privattoleranz kann (säst) volle Achtung gegen einen kleinen Theil der Andersgläubigen bezeichnen auf Kosten sämmtlicher Anderen, wie der Baron sagt in Lessing's „Juden": „Wie achtungswürdig wären die Juden, wenn sie alle Ihnen glichen!""") Das ist nicht Humanität; das kann nur Toleranz im Privatverkehr heißen. Aber, wie schon angedeutet ist, diese Anwendung des Begriffs Toleranz erscheint als eine uneigentliche. Sein eigentliches Subjeet ist der Staat, und zwar derjenige Staat, der eine bevorrechtigte Kirche anerkennt. Toleranz ist, wie gesagt, beschränkte Rechtsverleihung an Mitglieder einer nicht privilegirten Religionsgemeinschaft. Jetzt ist zu sehen, welches der Inhalt der Handlung ist, wenn Jemand Humanität ausübt. Das Wort bezeichnet Menschlichkeit, die Erkenntniß und Anerkennung des Menschen als Solchen, trotz aller Verschiedenheiten der Einzelmenschen von einander; insbesondere bedeutet das Wort daher Menschenfreundlichkeit, Güte, Milde. Darin liegt also die Anerkennung eines Gutes auch in deni abweichenden Glauben oder in dem Andersgläubigen. Dieses Gut kann nicht die Abweichung sein; sonst inüßte der Uebertritt zu dem andern Glauben erfolgen. Es kann nur das Gemeinsame aller Religionen sein, der allgemein menschliche Inhalt aller Frömmigkeit; dies, daß der Einzelne in einer anderen Religion sich selbst, seine eigene heiligste Ueberzeugung, seine eigenen höchsten Güter erkennt. „Nathan, Nathan," sagt Lessing's Klosterbruder, „Ihr seid ein Christ — bei Gott, Ihr seid ein Christ! „Ein bess'rer Christ war nie!" Und Nathan'? „Wohl uns!" erwidert er, „denn was „Mich Euch zum Christen macht, das macht Euch mir „Zum Juden" "Z. Die innige Religiosität (und daher auch die lautere Sittlichkeit) wird als die Hauptsache anerkannt auch im fremden Glauben; auf diese unschätzbare Perle fällt sofort der freudige Blick, und wenn die Fassung derselben ungewohnt, ■'») ib. III, 142 s. -- 50) ib. I, 261. — °l) L., Nathan, Akt IV, Sc. 7.