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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1881-05-01 · Heft 5 (1.5.1881) · p. Seite 110

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
1 (1881)
Issue
Heft 5 (1.5.1881)
Date
1881-05-01
Page
Seite 110 (sequence 6)
Language
German
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110 Wolfenbütteler Fragmente, war die Hauptsache das Gefühl der Gotteskindschaff"), und am stolzesten war er auf seine „Gabe", wie er sich in religiöser Demuth ausdrückte, an allen, auch an schlechten, Menschen etwas Gutes, Spuren des Göttlichen zu finden^). In allen seinen bezüglichen Schriften, vom Testament Johannis an bis hin zum Nathan, seinem eigenen Testament, spürt man neben dem fröhlichen Mannesmuth der Schlacht seine tiefreligiöse Gesinnung, seine Ehrfurcht vor dem Allgemeinmenschlichen; man möchte jene Werke nennen: Orgel und Schwert. 3. Der Staat und die Religion haben zur Verbindung der Menschen das Ihre gethan. Aber es giebt eine Geistesthätigkeit, die ebenfalls eine Quelle liefert für den großen Strom der Achtung des Menschen als Solchen. Ich meine die Philosophie. Ihr Stoff, ihr Inhalt, ist derselbe wie der der Religion, nämlich die Auffassung der Welt, und vor Allem der Menschheit, als einer Einheit; die beiderseitigen Methoden sind verschieden. Die Philosophie gründet das Reich der Wahrheit und erhebt alle Menschen zu Königen, wenn sie dieselben zu seinen Bürgern macht. Aber auch hier ist, wie bei der Religion, ein Unterschied zu machen. In den großen philosophischen Systemen finden sich Gedanken, die geeignet sind, den Geist aller Menschen zu allen Zeiten zu erheben und zu befreien; zugleich aber auch solche, welche nur zeitweilige Bedeutung haben, welche nur für die Zeitgenossen des Philosophen, oder gar nur für ihn selbst, befriedigend wirken. So ist Kant's kategorischer Imperativ ein ewig gültiges Gesetz; seine Leugnung der objectiven Existenz von Raum und Zeit aber ist vielfach, und wohl mit Recht, angegriffen worden. Dazu kömmt, daß es Philosophen gegeben hat, welche zu Gunsten einer Kirche oder eines Staates zu denken unternahmen; die also nicht die Wahrheit erstrebten, sondern Irgend welche, von vornherein als wahr geltende, Sätze zu stützen suchten. Aus der Gallerie der Geister und Gedanken wähle ich einige, doch nur solche heraus, die in letzterer Beziehung ganz rein geblieben sind, und in Bezug auf die ersterwähnte Unterscheidung als ewig jugendlich sich erwiesen haben. Der sittlich reinste Mann des klassischen Alterthums, Sokrates,^) lehrte, daß im Weltall eine höchste, göttliche Vernunft walte, deren Stimme in ihni ihn recht leite. Der Unsichtbare offenbart sich aber nach seiner Ueberzeugung nicht ihm, dem Sokrates, allein, wohnt nicht nur in ihm. Jemand redete ihn an8“): „Du, Sokrates, scheinst ganz besonders der göttlichen Offenbarungen gewürdigt zu sein." Der Philosoph antwortete ihm: „Nicht so, Euthydemus. Sondern dasselbe wirst auch Du erfahren, wenn Du nicht wartest, bis Du die Gestalten der Götter siehst, sondern wenn es Dir genügt, ihre Werke sehend, die Götter anzubeten und zu verehren. Gottähnlichkeit ist der Weg der Erkenntniß Gottes und der Weg der Seligkeit." Der große Grieche war Herold des Satzes, daß die Kraft der Wahrheit, daß das Streben zur Weisheit, daß die Vernunft jedem Menschen wesentlich sei. — Ueber ein Jahrtausend später verkündigte in Paris, am Hofe Karls des Kahlen, der Irländer Johannes Scotus Erigena'8), daß das eigentliche Wesen aller Dinge, also vor Allem des Menschen, die Gottheit sei; daß alles Seiende Theophanie, Gotteserscheinung, sei; daß also alle Menschen Gott- 35) Werke. Göschen, X, 801: „Und weiß ich denn etwa nicht, wessen großen Herrn lieber Bastard ich bin?" IX, 250: (Es schmerzt mich) „daß er (Götze) mich ans dem Hanse meines Vaters wirft." — so) X, 175. —!l7) 470 ea. bis 899 v. Chr. — 33) Xenopti. mein. 8oer. IV, 3; et'. Tholuck, der sittl. Charact. d. Heidenth., 8. A, Gotha, 1867, Perthes, r>. 8. — 3Ö) ca. 810 bis 875.

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