Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1881)
- Date
- 1881-05-01
- Page
- Seite 109 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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109 Es hat aber lange Zeih Jahrhunderte, gekostet, bis diese Wahrheit allgemeiner anerkannt ward. Ans dem Alterthum allerdings kenne ich ein ganzes Volk, das einzige in seiner Art, welches solch menschlische Anschauung hatte, solch menschliche Gesinnung ausübte: es ist das israelitische. Der m Palästina wohnende Heide 2") sollte nach Mosis Gesetz nicht unterdrückt, sondern geachtet, ja, geliebt werden3"); und doch ward von ihm nicht die Annahme der jüdischen Religion verlangt/") sondern nur die Beobachtung der sieben sogenannten noachidischen Gebote, unter denen als religiös hervorragen das Verbot der Götzenanbetnng und das der Gotteslästerung. Unter denselben Bedingungen konnte eine kriegsgefangene Heidin die Hausfrau eines Israeliten werden, und sie wurde dann wie eine geborene Jüdin behandelt.33) — Im ersten Christenthum lebte dies freundliche Verhältnis) zu Andersgläubigen wieder auf: Petrus fand, daß kein Mensch, auch kein Heide, gemein oder unrein genannt werden dürfe; daß vielmehr in jedem Volk, wer nur Gott fürchte und recht thue, ihm angenehm fei33). — Der erste Mann aber, der viele Culte eifrig erforschte und, trotz vieler anfgefundener Entsetzlichkeiten, doch allen Menschen Gerechtigkeit widerfahren lassen wollte, war der schwärmerisch fromme Lord Herbert von Cherbury (1581 bis 1648). Während des dreißigjährigen deutschen Religionskrieges erhob er seine Stimme in der Schrift: Von dem Unterschied zwischen Wahrheit und Offenbarung (1624), und in der anderen: Ueber die Religion der Heiden (1645). Aus Frömmigkeit forschte er, nni sich, und danach auch Anderen, zu beweisen, daß Gottes Liebe sich auf alle Völker erstrecke. Daher suchte er nach Spuren von Uebereinstimmung aller Religionen. Er fand folgende fünf Sätze überall vor: 1. Es giebt einen höchsten Gott, nämlich den gemeinsamen, Einen, Vatergott. 2. W ir müssen ihn verehren. 3. Frömmigkeit und Tugend sind die Haupttheile des Gottesdienstes. 4. Wir müssen Sünden bereuen und uns danach bessern. 5. Gott belohnt oder bestraft sowohl in als nach diesem irdischen Leben. Aufs Kürzeste gebracht, würde der praktische Inhalt dieser allgemein religiösen Sätze lauten: Sei fromm und lebe göttlich. Die Erfüllung dieser allgemeinen Forderungen giebt die Seligkeit, sagt Herbert, und diese Forderungen, so fügt er hinzu, sind in allen Religionen, von allen Völkern, aufgestellt. Etwas Großes war erreicht: die bewußte Anerkennung des göttlichen Geistes in allen Menschen, die Auffindung der allgemeinen, der reinen, Religion. An diese Anerkennung schließt sich unmittelbar die Achtung und Ehrfurcht vor dem Wesen des Menschen als solchen. — Doch diese Anerkennung ward ausgeübt von Menschen, die von den meisten Christen als Ketzer betrachtet wurden. Wenn es wahr ist, daß im Durchschnitt 80 Jahre hingehen, bis eine aufgefundene Wahrheit allgemeiner im Volke anerkannt wird3'); wenn es wahr ist, daß nach diesen 80 Jahren die bis dahin herrschenden Anhänger des Alten am schärfsten jener Wahrheit opponiren, so daß dann auf die Tüchtigkeit der Führer beider Parteien viel ankäme: so gelangen wir zu einem interessanten Ergebniß. Das 80. Jahr nach Herausgabe der „Religion der Heiden" (1645) ist das Jahr 1725. Vier Jahre später wurden Lessing und Mendelssohn geboren. Lessing ward der kampffreudige Prophet der erkannten Wahrheit. Auch ihm, dem Herausgeber der **) abgesehen von den Sclaven. - Exoi. 22, 21; L«v. 19, 34. — 3l) nicht einmal die Beschneidung, außer als Bedingung der Theilnahme am Passahopfer. Exoä 12, 48. — 3i) cf. Hamburger, Nichtjuden und die Sekten im talmud. Schriftthnm, Neustrelitz. G. Barnewitz, 188<», p. 4; Spitzer, Heer- und Wehrgesetz re, Vincovce, 1879, Spitzer, p. 82. — 8a) Act. 10, 28. 35. Lessing's Werke, IX, 247.