Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1881)
- Date
- 1881-05-01
- Page
- Seite 108 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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108 den Papst Gregor 1. leitete, wenn er den heidnischen Angelsachsen lim heutigen England), um sie seiner christlichen Botmäßigkeit desto sicherer zu unterwerfen, erlaubte, in den alten Götzentempeln zu beten, nur zu der wahren Gottheit; die Stiere, wie bisher, zu schlachten, nur zum Lobe des christlichen Gottes, und unter den gewohnten grünen Lauben, nur neben der Kirche, das frohe Mahl zu halten^). Aus Politik duldete man die Juden in Deutschland, so lange, als es mehr Nutzen zu bringen schien, zu dulden als nicht zu dulden. Aber kluge Fürsorge für das Staatsgauze hob nun auch die Staatskirche auf. Eine erleuchtete Politik dictirte die berühmte» Gesetze des Hohenstauffen Friedrich II., die sein Kanzler Peter von Vinea redigirte^), Gesetze für Unteritaliens und Siciliens Bewohner, also in damaliger Zeit für Christen und für Mohammedaner; Gesetze, in denen er die weltliche Seite der Kirche dem Staat streng untervrdnete und den Saracenen dieselben Rechte gab wie den Christen. Aus weiser Politik forderte Macchiavelli -s) die Confessionslosigkeit, doch zugleich die Religiosität des Staats, indem er, voll Verständniß für die Bedeutung der Religion für den Staat, doch ohne Kirche und ohne Christenthum die höchsten politischen Zwecke erreichen lehrte. 2. Nun giebt es aber andere Mächte, welche zu milderem Verhalten gegen Andersgläubige gewöhnen. Wenn die Politik einen Theil der Menschen zu einem sichtbaren, äußeren Reich zusammenfassen will: die Religion denkt sie verbunden zu einer einzigen unsichtbaren Gemeinschaft, zum Reich Gottes, in dem sittlich zu handeln sie die Kraft giebt. Denn in jeder Religion steckt ein Allgemeines, alle Menschen Umfassendes, außer deni Besonderen. Ein Allgemeines; denn der Eine Gott ist der Gott aller Menschen. Ein Besonderes; denn ein Religionsstifter kann leicht glauben, daß Gott gerade itjm besondere Liebe erwiesen habe dadurch, daß ihm die Erkenntniß Gottes aufgegangen sei, daß Gott sich gerade ihm offenbart habe; oder wenigstens werden manche seiner Gläubigen sich dieser Meinung hingeben, um aus solchem Grund eine bevorzugende Liebe Gottes gegen sie selbst . annehmen zu dürfen, da sie jener Erkenntniß oder Offenbarung sich angeschlossen hätten. Auch dies aber kann leicht die Ueberzeugung schon des Begründers einer bestimmten Religion sein. Moses hörte die Worte: „Ich bin der allmächtige Gott", und neben diesem Allgemeinen auch das Besondere: „Israel ist mein erstgeborner Sohn"^>. Jesus wiederholte das höchste Gebot, die Liebe zu dem Einen Gott, und im Anschluß daran, die Menschenliebe^); er sagt, daß jeder Mensch ein geistiges Auge für Gott habe-"), daß Jeder in sich die heilige Kraft habe, Gutes zu thun2T); und doch äußerte er: „Niemand weiß, wer der Vater sei als nur der Sohn (Jesus selbst), und wem cs der Sohn offenbaren will; mir ist Alles übergeben von meinem Vater" Der Mohammedaner verbindet das Allumfassende und das Besondere der Religion in dem Satz: „Es giebt nur Einen Gott und Mohammed ist sein Prophet." — Wenn diese beiden Seiten sich in jeder Religion vorfinden, so fragt es sich, welche die eigentlich religiöse sei, der Kern in jeder Religion. Die Antwort lautet: Nur die allgemeine Seite einer jeden Religionsform ist' wahrhaft Religion. Denn Gott ist Einer, voll gleicher Liebe für Alle. Um so frommer also wird ein Mensch sein, je inniger er jene universale Empfindung in sich hat, je treuer er festhült an dem allgemein menschlichen, an dem überall sich findenden, Vertrauen auf den Einen Gott und an dem reinen Gebrauch seiner göttlichen Kraft. ") 5lJ0 ff. — «> 1231. - ") f 1530. - ", Exiid. 6,3; 5,22. - ") Mc. 12, 30 f. - ") Mt. 6, 22 f. - Mc. 4, 28. - Lc. 10, 22.