Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1881)
- Date
- 1881-04-01
- Page
- Seite 83 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Gefilde Israels ihren erquickenden Glanz ergoß. Jetzt konnte Israel hoch sein Hanpt erheben, sich frei beweqen ans allen Bahnen menschlicher Thätigkeit. Der Knminer war ans seinem Gemiile geschwunden und es bedurfte nicht mehr der Erhebung, die die Religion ihm gewährt. Die Zeit der Leiden war dahin und mit ihr der innere Antrieb zur Gottesfurcht, alle Quellen des Heils waren ihm geöffnet, es glaubte, nicht ans den Quellen der Religion erst Trost und Hoffnung schöpfen zu müssen. Die Religion schien slir das Leben nicht mehr nötig zu sein, sie bildete nicht mehr wie ehedem die notwendige Ergänzung des fehlenden Herzenfriedens und man ließ sie fallen, man suchte sie zu vergessen, da sie ja doch immer die Erinnerung an die Zeiten des Druckes wachrief, man schämte sich ihrer, man überließ' sie dem Spiele des Zufalls, und, ob das Jndenthum da durch Heuchler im Bunde mit Indifferenten entarte, verzerrt und entstellt werde und dort völlig verfalle, eiugehe, untergehe, darüber machte man sich keine weitere Sorge. Zu dieser Gleichgiltigkeit _ gegen die Religion, wie sie ans einem mißleiteten Unabhängigkeitsgefühle entsprang, trat nun als zweite Ursache des Verfalls eine allen Gottessinn zerstörende Geistesslrömnng hinzu, die in den letzten Jahrzehnten zur weitesten Ausbreitung gelangt war. Der Religion, erklärten die Vertreter dieser Richtung, fehle überhaupt die innere Wahrheit, der wissenschaftliche Gehalt. Was wissen wir vvn einem Gotte, von einem Schöpfer, vvn einem bewußten Leiter des Weltalls? wir sehen Entstehen und Vergehen, die aus ganz sichtbareil Ursachen sich erklären und nichts Wunderbares und Außergewöhnliches darbieten; alle Vorgänge in dem großen Weltenreiche vollziehen sich nach bestimmten, unabänderlichen Gesetzen, die nie eine Störung, nie eine Ausnahme erleiden. Alles was da ist, besteht ans Kraft und Stoff. Der Stoff ist die Erde, das Körperliche, Sichtbare, die Kraft ist das Leben, der Geist, ja vielleicht gar Gott selbst. Diese nur ans oberflächlicher Anschauung und trügerischem Augenschein beruhenden Lehren sind zwar nicht neu, sie sind hundertfach widerlegt, spricht ja die gerade Vernunft, ja das menschliche Herz, das schließlich weit besser urtheilt als der schärfste Verstand, entschieden dagegen. Es sieht ja jeder, der sich voll Scheingründen nicht blenden, vvn dem wüsten Geschrei der Verkünder solcher Lehren nicht betäuben läßt, es glit ein, daß die Kraft, die die Pflanze zum Wachsen bringt, etlvas anderes ist, als der Geist, der in dem Menschen Gedanken einportreibt, daß der Mensch ilicht dasselbe ist wie das Thier, aber mau war einiual von der Voreingenommenheit für jene Anschauung so beeinflußt und befangen, daß man, währenddem auf dem Gebiete der Wissenschaft nie etlvas behauptet lverden darf, lvas nicht auf das Genaueste lind Sicherste bewiesen ist, über Alles, was sich gegen solche Annahlnen Vorbringen ließe, hinwegsah und sie sofort als unbezweifelbare Lehre in die Welt hiuausposaunte. Man war und ist heute noch gar nicht einmal so lveit, daß man die Bildung eines Grashalmes erklären kann, und man vermaß sich schon, das Dasein eines Schöpfers himvegznlängnen, den Gedanken Gott ans dem Bewußtsein der Menschheit zu tilgen. Diese unreifen, widersinnigen und verwerflichen Anschallllngen wurden ohne Weiteres in das Volk hineiligctragen und seltsam, auch in Israel, das den erhabenste» Gottesglanbeu gelehrt hatte, fanden die Herolde und Anwälte der Gottlosigkeit Gehör, und Viele, die sich zu seinen Wortführern anflvarfen, uahilien den Kampf ans gegen Religion und Glauben. Run hätte man ineinen sollen, daß unter solchen Umstünden die Besonderheit Israels Hütte aufhören oder wenigstens so erschüttert werden müsse», daß an einen Fortbestand derselben nicht zu denken sei, aber merklvür- 7*